Schlittenfahrt

Im Winter, wenn Schnee gefallen war und die Bruchstraße eine geschlossene Schneedecke hatte, entdeckte Bauer Schmieder sein Herz für Kinder. Irgendwann am Tag fuhr er seinen Deutz-Traktor auf die Straße, band den Schlitten seiner kleinen Tochter an die Anhängerkupplung und hängte den des jüngeren Sohns dahinter. Im Nu strömten die Kinder der Straße mit ihren Schlitten herbei, banden sie an und hintereinander. Los ging die wilde Fahrt. Bauer Schmieder gab Gas, ein Ruck, und die Schlittenreihe setzte sich in Bewegung. Das ging gut, bis zur Kreuzung oben. Da war der Schnee noch von den Reifen der Traktoren festgefahren, und die Schlitten holperten hurtig über die vereiste Piste, dass man Mühe hatte, sich festzuhalten.

Wo die Straße in die Winterlandschaft des Hohlwegs eintauchte, lag Tiefschnee. Und spätestens hier kippte einer mit seinem Schlitten um, und das Schlittengespann riss auseinander. Die Kindermeute schrie „Halt!“, und wenn dann wieder alles gerichtet war, wurde „Schnee fassen!“ gerufen. Jede, jeder nahm zur Stärkung eine Handvoll Schnee in den Mund. Der Schnee lag in der Bruchstraße ganz unberührt. Niemand dachte daran, er könnte schmutzig sein. Es war ein Ritual, sich Schnee in den Mund zu stecken, bevor die wilde Rodelfahrt weiter ging hinter dem Trecker von Bauer Schmieder. Weiter, immer weiter die tief verschneite erste Bruchstraße entlang. Bis zu ihrem Ende. Spätestens da, wo ein alter Rheinarm ein weites Tal hinterlassen hatte, drehte Schmieder. Bis zum zweiten Hohlwewg kamen wir nie. Vermutlich war Schmieder genervt, weil die Seilzüge zwischen den Schlitten immer öfter rissen. An einigen Schlitten waren das ja nur Schnüre. Die konnten die Last nicht halten, wenn mehrere Schlitten hinter ihnen hingen.

Ich war sowieso heilfroh, wenn es wieder heimwärts ging, denn meistens war ich schon ganz durchnässt und durchgefroren und freute mich auf ein heimelig warmes Zuhause.

15 Kommentare zu “Schlittenfahrt

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