Wie der dicke Kalkmann meinen Glauben erschütterte

Der Nikolaus wurde bei uns im Rheinland begleitet von einem kohlschwarzen Wesen in Ketten, gleich einem Höllenhund, dem „Hans Muff.“ Zweimal zum Nikolaustag ist er mir begegnet und hat mich geängstigt. Doch beim zweiten Mal wurde mein Glaube an das katholische Brimborium erschüttert: Mein Kindergarten stand unter der Fuchtel strenger Nonnen. Natürlich bestellten sie den Nikolaus ein. Der heilige Mann kam und las unseren verstockten Sünderherzen die Leviten, assistiert vom schrecklichen Hans Muff. Als die beiden gegangen waren, drängten wir uns an den Fenstern zum Garten und sahen den beiden froh hinterher, denn solche Herrschaften sieht man lieber von hinten.

Am Törchen unten warteten einige Schuljungen. Der dicke Kalkmann war auch dabei. Als der Nikolaus sich ihnen näherte, begannen sie zu feixen. Da klirrte Hans Muff mit der Kette und sprang den dicken Kalkmann an. Es geschah das Ungeheuerliche. Während seine Freunde davonstoben, blieb der dicke Kalkmann einfach stehen, packte sich Hans Muff, nahm ihn in den Schwitzkasten und rang ihn zu Boden. Das musste der Nikolaus machtlos mitansehen.
Ein Kind rief ungläubig: „Der dicke Kalkmann macht den Hans Muff fertig!“ Das war die Sensation. Im Ringen zog Kalkmanns Jochen ihm seine schwarze Verkleidung auseinander, und zum Vorschein kam eine Mönchskutte. Hans Muff war ein junger Pater aus dem nahen Kloster. Da wusste ich, es ist alles nur Mummenschanz und das nährte den Verdacht, der ganze Glaube wäre Mummenschanz.

Georg Christoph Lichtenberg schreibt: „Ich danke es dem lieben Gott tausendmal, dass er mich zum Atheisten hat werden lassen.“ Geholfen hat bei mir der dicke Kalkmann.