Träumereien

Wie es meine Großmutter, die gebürtige Kölnerin, zu uns aufs Land verschlagen hat, weiß ich nicht. Wenn es Liebe zu meinem Großvater gewesen ist, dann war sie längst verflossen. Ich hörte sie nur unwirsch mit ihm reden. Oft fuhr sie ihm übers Maul, was dazu führte, dass der ohnehin schweigsame Mann mit der Zeit verstummte. Wenn sie zum Arzt wollte, ging sie nicht zum Dorfarzt in Eckum, sondern machte sich chic, zog weiße Spitzenhandschuh an und fuhr mit der Eisenbahn nach Köln zu ihrem Cousin, dem „Ehrenfelder Rainer.“ Als Sechsjähriger durfte ich sie manchmal begleiten. Der „Ehrenfelder Rainer“ besaß ein Patrizierhaus in Köln-Ehrenfeld, in dem er lebte und die Arztpraxis betrieb.

Er hatte, was bei uns im Dorf niemand hatte, ein Dienstmädchen. In die hübsche junge Frau habe ich mich sofort verliebt. Unser enormer Alters- und Größenunterschied war, wie mir schien, kein Hinderungsgrund. Um sie zu küssen, könnte ich ja auf einem Bänkchen stehen, plante ich. Dass die junge Frau vielleicht kein Interesse an einer Liaison mit einem Sechsjährigen haben könnte, zog ich nicht in Erwägung. Nicht weil ich so ein großes Ego gehabt hätte, sondern weil ich mir die Welt zurecht träumte. Es wurde leider nichts aus meinem Traum. Meine Oma war einfach zu selten krank.

Sich als Kind die Welt zurecht zu träumen, ist eigentlich harmlos, denn es versöhnt mit den Lebensverhältnissen. Ein Freund, den ich seit meinem Umzug nach Hannover aus den Augen verloren habe, tut es auch als Erwachsener. Demnach hat er zu seiner belgischen Villa wohl die längste Auffahrt Europas, vielleicht sogar der Welt. Sie reicht aus der Innenstadt von Aachen bis kurz vor Verviers in Belgien. Es handelt sich um seinen täglichen Weg zur Arbeit und zurück. Mein Freund erklärt: „Wenn ich mir sage, all die Leute in ihren Häusern entlang der langen Straße von Aachen bis zu meiner Haustür, die wohnen an meiner Auffahrt, ja, dann ist die lange Straße von Aachen bis zu mir meine Auffahrt.“ Soweit zur freien Sinngebung durch Träumereien. Sie ist ein probates Verfahren, glücklich zu werden, ja, mein Freund schwört sogar darauf, dass sich das Leben meistens nach seinen Wünschen zu richten pflegt, weil er nämlich alles daran setzt, seine Träume zu realisieren und sich so das Leben gefügig zu machen.

10 Kommentare zu “Träumereien

  1. Grandios, alle vier: die Großmutter mit dem Spitzenhandschuh, der 6-jährige Verliebte Träumer, der belgische Freund, der sich das Leben gefügig macht, als sei es ein Löwe (was es ja auch ist), und der heutige Erzähler mit seinem Erzähltalent und seinen lebhaften Erinnerungen! Das Objekt der Begierde, das „Dienstmädchen“, könnte die Fünfte sein.

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