Das Seufzen der Lehrkräfte

Kollegin Andrea Heming schreibt hier in ihrem Kommentar zur radikalen Kleinschreibung: „Vielen meiner Schülerinnen und Schüler wäre mit dieser Eindeutigkeit geholfen. Aktuell lösen sie ihre Rechtschreibprobleme durch den auch nicht uninteressanten Ansatz Wichtige wörter Groß zu schreiben und unwichtige Klein.“ Ihre Schülerinnen und Schüler vollziehen offenbar nach, womit das Elend angefangen hat. Die Orthographie des Deutschen war in den Anfängen des Barocks nicht einheitlich geregelt. So wird die Klage des Schreibmeister Hans Fabritius im Jahr 1531 in seinem Büchlein: „etlicher gleichstymender worther, aber ungleichs Verstandes“ verständlich:

    „Ich weis schier nicht, was daraus werden will zu letzt, ich zu meinem theyl wais schier nicht, wie ich meine Schulers leren sol, der vrsachen halben, das yetzunder, wo ynser drey oder vier Deutsche schreibers zusamen koment, hat yeder ein sonderlichen gebrauch. Der ein schreibt ch, der andere c, der dritte k, wollte Gott, dass es darhyn komen möchte, das die Kunst des schreibens einmal wieder in rechten prauch komen möchte.“

An diesem Stoßseufzer ist der Wunsch nach einer Einheitsregelung ablesbar. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Orthographie noch in den Händen der Schreibmeister lag, das heißt, das Formen der Buchstaben (Kalligraphie) und der Wortgestalt (Orthographie) waren noch eins. Ähnliches galt für die Drucker und Schriftsetzer. Sie entschieden, wie ein Druckwerk auszusehen hatte (Typographie) und wie die Schreibweise zu sein hatte (Orthographie).

Bei den barocken Schreibmeistern setzte sich die Mode durch, wichtige Wörter mit besonders verzierten Anfangsbuchstaben zu schreiben. Das betraf zunächst nur den Namen Gottes, wurde dann ausgeweitet auf die Heiligen und auf die kirchlichen und weltlichen Fürsten. Später schrieb man auch andere wichtige Wörter, die Hauptwörter im Text, und Satzanfänge groß. Hierzu mögen ökomische Gründe beigetragen haben. Schreibmeister wurden nach Zeilen bezahlt, und verzierte Buchstaben nahmen mehr Platz ein als kleine, machten also die Zeile schneller voll. Die verzierten Buchstaben waren hochgeschnörkelte und vergrößerte Kleinbuchstaben. Man druckte das Deutsche in Fraktur und und schrieb deren Handschriftvariante Kurrent. Jacob Grimm führt die Entstehung der von ihm abgelehnten Großschreibung gänzlich auf die Fraktur zurück.

In den ersten deutschen Grammatiken wurden die willkürlichen Hauptwörter dann fälschlich mit dem lateinischen Substantiv gleichgesetzt. Das erst machte eine Regelung der Groß- und Kleinschreibung möglich. Allerdings gelang es dem Grammatiker Justus Georg Schottel im Jahr 1663 beim Druck seiner Grammatik „Ausführliche Arbeit von der Teutschen Haubt Sprache“ nicht, den Drucker zu überzeugen, seine Regelung auf den Text anzuwenden. Es dauerte bis zum Jahr 1901, dass Konrad Duden im Auftrag Bismarcks eine Einheitsorthografie für das Deutsche Reich vorlegte. Konrad Duden kommt das Verdienst zu, die Herkulesaufgabe bewältigt zu haben und Ordnung in diesen Wust an Willkür von Schreibweisen zu bringen, in die „wertlosen Einfälle von Schreiberknechten“, wie der dänische Linguist Otto Jespersen schreibt, aber auch zu wählen aus der Fülle der Varianten in den Hausorthographien der Kontore, Druckereien, Schulen und Universitäten. Bei den späteren Auflagen schalteten und walteten die jeweiligen Dudenredaktionen höchst eigenmächtig und machten die Regeln der Groß- und Kleinschreibung immer komplizierter.

Es kamen Spitzfindigkeiten dabei heraus wie „Auto fahren“ aber „radfahren“ und ein immer komplizierteres Regelwerk der Groß- und Kleinschreibung. Schon in den 1920-er Jahren hatte der Realschullehrer Josef Lammertz mit dem „Testament einer Mutter“, dem berüchtigten „Kosogschen Diktat“, den Nachweis angetreten, dass niemand diese Regeln beherrschte. Wen es interessiert, das Diktat und seine skurrile Rezeptionsgeschichte gibt es im Teppichhaus Trithemius oder in meiner „Buchkultur im Abendrot“ – ein prima Weihnachtsgeschenk übrigens.

Die Dänen schafften die Groß- und Kleinschreibung nach dem 2.Weltkrieg ab; in Deutschland wurde die Abschaffung immer wieder kontrovers dikutiert, wobei die Gegner den Untergang des Abendlandes heraufbeschworen. Bei der jüngsten Orthografiereform hat man sich an die Abschaffung nicht herangetraut. Weil es auch göttliche Hilfe nicht gibt, wie Hans Fabritius erhofft, müssen unsere Lehrerinnen und Lehrer weiterhin viel Mühe und Lebenszeit darauf verwenden, ihren Schülern die „wertlosen Einfälle von Schreiberknechten“ beizubringen.