Hinterm Fenster

Als er sich im Jahr 1911 in Paris aufhielt, schuf der italienische Maler Umberto Boccioni ein wichtiges Werk des Futurismus: La strada entra nella casa (Die Straße dringt ins Haus). Boccioni schreibt selbst, was er im Bild darstellen wollte: „(…) das sonnendurchflimmerte Gesumm der Straße (…) Gleichzeitigkeit der Atmosphäre, folglich Ortsveränderung und Zergliederung der Gegenstände, Zerstreuung und Ineinanderübergreifen der Einzelheiten, die von der laufenden Logik befreit, eine von der anderen unabhängig sind.“
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Ich bin kein Futurist, will das alles nicht, preise auch nicht den Lärm und scheue beim Schreiben vor allem die „Zerstreuung“ und das „Ineinanderübergreifen der Einzelheiten.“ Niemals könnte ich bei offenem Fenster schreiben. Ebenso kann ich nicht in Ruhe schreiben, wenn mein Rechner mit dem Internet verbunden ist. Auch bei geschlossenem Browser habe ich das Gefühl, am offenen Fenster zu sitzen, und aus dem weltumspannenden Internet brandet der Lärm in meine Stube und wird übergriffig.

Einst träumte ich, in einem Dorf an der Mosel in einem Bäckereicafé zu sitzen. Direkt hinter den Fenstern schossen grünlich die Fluten der Mosel vorbei, und die Wogen gingen so hoch, dass ich unter der Wasseroberfläche saß, nur geschützt durch das Fensterglas. Das Wasser war klar und durchscheinend, aber die Wogen aus dem Internet sind es nicht. Also will ich sie fern hinterm Deich, wenn ich in meiner weltlichen Kontemplation da sitze und schreibe.

Erst wenn der Text für mein Blog fertig ist, stelle ich die Internetverbindung her, bleibe aber auf vertrauten Wegen, rufe mein Blog auf und kopiere den Text in die Editormaske. Die Veröffentlichung ist wie ein Anstechen der Wogen. Sie verlieren dann ihre Oberflächenspannug und fließen als Like oder Kommentar in meine Stube. Dieser geordnete Zustrom ist gut und gewollt, aber außerhalb der Community finde ich das Netz immer bedrohlicher und versuche es fernzuhalten, wo es geht.