Norbert, Josie und die Folgen

Der Heilstein hieß Norbert. Er war groß und schwer, ein wahrer Hinkelstein. Norbert gehörte der Tante einer Schülerin. Sie machte mich als den Lehrer und ihre Klasse mit Norbert bekannt, denn alle hatten Zeitungstexte über Esoterik geschrieben. Die damals noch stolze und große Frankfurter Rundschau hatte uns eine ganze Seite zum Thema eingeräumt. Die Tante war in den Bann des Heilsteins geraten und nahm ihn auch auf Reisen mit. Sie fühlte sich nur beschützt gegen die Unbilden des Lebens, wenn Norbert in ihrer Nähe war. Man mag darüber lächeln, doch in solche Verstrickungen kann man geraten. Selbst Ratten können abergläubisch werden, wenn sie die Welt nicht verstehen.

Die Grenzen sind fließend, beginnen bei harmlosen Orakelspielen und können sich zu Zwängen auswachsen. Wenn ich beispielsweise in einer Reihe geparkter Autos das Nummernschild einer fremden Stadt oder Region entdecke, trachte ich danach, zwei weitere Autos von auswärts zu finden. Wenn die Sache gelingt, glaube ich, Glück zu haben. Da mir das Aufgehen des Spiels einen Glücksmoment bringt, habe ich natürlich Glück. Es ist noch ein Spiel, so lange ich keine Zukunftsprognose daraus herleite, etwa dass mir Unglück droht, wenn die Zahl drei nicht erreicht wird. Davor hüte ich mich.

Es hat in meinem Leben, etwa im November 2005, eine Zeit der psychischen Verunsicherung gegeben, bedingt durch eine schmerzhafte Trennung. Ich half mir mit Grasrauchen, Homöopathie und eröffnete ein Blog, das „Teppichhaus Trithemius“. Glücklicherweise gab es in dieser Dreier-Kombination das schöpferische Element. Zuvor hatte ich nur Tagebucheinträge geschrieben und erlebte jetzt die schier wunderbare Erfahrung, dass das digitale Tagebuch antwortete. Es hatte in den Anfängen für mich etwas Magisches. Man rief in die Sphinx Internet hinein – und von irgendwo, völlig unwägbar woher, tönte eine Antwort. Diese unmittelbare Aufmerksamkeit empfand ich als pure Soziale Energie. Sie trieb mich an, täglich zu schreiben.

Der US-Designer Jim Krause empfiehlt in seinem sonst esoterikfreien Kreativbuch „Funkenflug“, man solle ab und zu einen Baum umarmen. Zur Not reiche auch eine Zimmerpflanze. Ich nahm vor dem Schreiben Kontakt zu meiner Zimmerpalme auf, die ich Josie getauft hatte. Zu ihr unterhielt ich eine fast symbiotische Verbindung Doch ab und zu umarmte ich vor dem Schreiben einen Baum. Er durfte jedoch nicht zu groß sein, sonst gerieten mir die Texte zu heftig. Ich habe das Gefühl, dass in dieser Zeit ohnhin mehr Kraft in meinen Texten war. Lag es am Gras oder an der neuen Erfahrung zeitnaher wechselseitiger Kommunikation im Blog? Am Sonntag will ich einen der alten Texte wiederveröffentlichen. Im Schluss gibt es die Passage:

    „Haut es dich jedoch im Leben einmal um, kriegst du einen Schlag, als hätte dich ein Bus gestreift, ja, dann bist du irgendwo zu lange stehen geblieben. Die anderen sind weiter gezogen, doch du hast geträumt. Oder du hast dich gegen deine Natur vergangen, dann ist’s kein Bus, der dich streift, sondern eine rasende E-Lok. Das kann passieren.“

Es folgen Ratschläge, wie dann zu verfahren ist. Da ahnte ich noch nicht, dass mich bald ein solcher Schlag treffen sollte. Aus Gründen. [Im Bild: Josie 2010 – Foto: JvdL – größer: Bitte klicken]