Das Pferd, sein Wagen und das Mädchen

Meine Schwester übergab mir alte Familienfotos, auch eines von meinem Bruder als Kind. Er sitzt auf dem Schoß meiner Mutter und schaut ernst, ein bisschen skeptisch. Meine Mutter im dunklen Kleid mit kurzen Ärmeln sitzt wiederum lächelnd auf der Treppe zur Haustür. Das Foto muss etwa 1948 entstanden sein, als mein Vater in Kriegsgefangenschaft war. Mein Bruder ist auf dem Foto folglich drei Jahre. Zu Füßen von Mutter und Kind steht ein Holzpferd mit Anhänger. Um dieses angeschirrte Holzpferd und seinen Anhänger rankt sich eine winzige Geschichte, die trotz ihrer Kleinheit in der Familie öfter erzählt wurde, so dass sie sich mir eingeprägt hat. Als ich das Foto sah, kam die Geschichte mir sofort wieder in den Sinn. Die menschliche Erinnerung ist eine seltsame Angelegenheit. Was man sich merkt, was ein Leben lang präsent ist, korreliert selten mit der Bedeutung eines Ereignisses. Nach dieser Vorrede nun die mauskleine Geschichte:

    Obwohl meine Mutter selbstironisch von sich sagte, sie spreche „Hochdeutsch mit Knaubeln“, hat sie uns Kindern Hochdeutsch beigebracht. In der Nachbarschaft gabe es ein gleichaltriges Mädchen, mit dem mein Bruder manchmal spielte. Von diesem Kind ist überliefert, dass es sich bemühte, im Umgang mit meinem Bruder ebenfalls Hochdeutsch zu sprechen, es aber nicht gelernt hatte. Einmal beim Spiel hatte es die Idee, dass das Holzpferd in seinem eigenen Anhänger stehen sollte und sagte: „Wilhelm! Tu das Perd dadrein!“

Längst tot wird das Kind sein, wie auch mein fünf Jahre älterer Bruder verstorben ist. Foto und Ausspruch haben überdauert.