NDR – Das Übel hat Metastasen

Der NDR hat über Jahre Beiträge im Sinne einer PR-Agentur gesendet, die der Tochter der NDR-Direktorin Sabine Rossbach gehört. Frau Rossbach habe die Anregungen der Agentur mit den Worten „Sollten wir haben“ oder „Mit der Bitte um Berichterstattung“ an die Redaktion des „Hamburg Journals“ weitergereicht. Im „Flurfunk“ sei das ein offenes Geheimnis gewesen, doch niemand habe den Mut gehabt, sich der mächtigen Direktorin zu widersetzen. Den Vorwürfen ging am 14. September 2022, um 22:45 Uhr das NDR-Medienmagazin Zapp nach. Sabine Rossbach ist beurlaubt, und der NDR verspricht Aufklärung.

Zu hören war von „einem Klima der Angst“ im Umgang mit Sabine Rossbach, das besonders die freien Mitarbeitenden so empfunden hätten. Mit den Worten ihres Sprechers Joern Strehler-Pohl: „Es gibt die verbreitete Sorge, dass, wenn man den Mund aufmacht, der Rahmenvertrag nicht mehr verlängert wird und man sich tatsächlich einen neuen Job suchen muss (…)“ Im maßgeschneiderten weißen Hemd setzte sich der NDR-Chefjustitiar Michael Kühn vor die Zapp-Reporterin und sagte zur Sache nichts. Er wolle dem Ergebnis der Untersuchung nicht vorgreifen. Überhaupt scheint der Aufklärungswille nicht groß zu sein. Wenn die Sitten in einer Institution einmal verkommen sind, wenn der Hase schon eine Weile falsch gelaufen ist, haben sich alle darauf eingerichtet. Man ist ein Rädchen in einer Maschine, hat seinen Platz und weiß, wie man zu ticken hat, wer das große Rad dreht, dessen Lauf man nicht behindern darf. Wer sich da nicht reibungslos einfügt, wer sich querstellt, wird bald von der Maschine abgestoßen.

Verkommene Sitten zeigen sich dann auch anderswo. Folglich wunderte ich mich nicht, als am 15.9. in der Sendung „Hallo Niedersachsen“ ein PR-Beitrag über einen norddeutschen Freizeitpark lief. „Reporter“ Johannes Koch hatte sich in das Bärenkostüm des Maskottchens „Wumbo“ stecken lassen und war für einen ganzen langen Arbeitstag darin herumgelaufen. Sein schwitzendes Gesicht und seine Erschöpfung standen im Vordergrund der Berichterstattung. Der Kerl jammerte in den Pausen schier herzerweichend. Nur drängte sich mir die Frage auf: „Warum machst du das, du Depp?“ Geht es im Beitrag um die Situation der Billiglöhner in Maskottchenkostümen? Nein, kein Thema. Die ganze Aktion war schlicht Werbung für den Freizeitpark. Moderator Arne-Torben Voigts hatte den Beitrag angekündigt mit: „Der Johannes wollte nämlich mal ausprobieren, wie das ist als Maskottchen in einem Freizeitpark. Falls Sie jetzt schon schmunzeln müssen, dann viel Freude bei den kommenden fünf Minuten.“

Ich musste nicht schmunzeln und wollte leider brechen. Die journalistische Relevanz des Beitrags war gleich null. Dass Johannes Koch am eigenen Leib erfuhr, wie sich so ein stummes, winkendes Maskottchen fühlt, während es dem Gaudi der Freizeitparkbesucher dient, hätte auf einer überindividuellen Ebene Anlass zu Fragen gegeben: Wer übernimmt eine derart schweißtreibende Arbeit? Wie ist die Bezahlung? Werden solche Tätigkeiten über die Arbeitsagentur vermittelt? Welche Perspektive hat ein Maskottchen, winkt eventuell die Beförderung zum Ober-Wumbo? Es gibt 117 Freizeitparks in Deutschland. Wieviele Maskottchen gibt es? Sind sie gewerkschaftlich organisiert? Keine dieser Fragen wurde angerissen. Die Botschaft des Beitrags: Es gibt diesen Freizeitpark in Soltau, sein Maskottchen heißt Wumbo. Es darf nicht reden, sondern nur herumtappen und winken. Ein NDR-„Reporter“ hat in der Maskerade entsetzlich geschwitzt. Vielleicht sollte der Beitrag nebenher zeigen, dass ein freier Mitarbeiter beim NDR sich nicht zu schade sein darf, den Wumbo-Deppen zu machen.

Verantwortet haben den Mist: Thorsten Hapke (Leitung der Sendung), Susanne Wachhaus (Redaktionsleiterin) und Produktionsleiter/in Wolfgang Feist.
Glückwunsch! Ein journalistisches Meisterstück im Zirkus des schlechten Geschmacks.

15 Kommentare zu “NDR – Das Übel hat Metastasen

  1. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und TV-Anstalten müssen dringend umorganisiert und reformiert werden!
    Mir stoßen vor allem die seit einigen Jahren geradezu übel zunehmenden „Verbrauchertests“ von Markengeräten, -klamotten, -lebensmitteln etc. auf. Irgendwelche „Normalos“, die man wohl irgendwo auf den Straßen aufgegriffen hat, müssen so tun, als würden sie die offerierten Produkte auf Herz und Nieren testen. Da bin ich schon seit langem davon überzeugt, dass das nichts anderes als „Infotainment“ schlecht getarnte Werbung ist.

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  2. Lug und Trug wohin man schaut. Den Kerlen und Madamen der oberen Etagen gehört zu allererst die Dienstwagen weggenommen, denn sie dienen nicht. Sie bedienen sich allenthalben.

    Überhaupt gehören die meisten (Radio)Sender abgeschafft, da sie ihrem gesetzlich verankerten (verbürgten?) Bildungsauftrag auch nicht annäherungsweise nach kommen.

    Und die gesetzlich oktroyierte Zwangsabgabe gehört vors Verfassungsgericht.

    Diese förderale Sendervielfalt hatte ihre historische Rechtfertigung. Und die ist abgelaufen. Alle produzieren denselben Quark. Und in den oberen Etagen herrscht eine üble Selbstbedienungsmentalität.

    Dennoch einen schönen Abend und Gruss
    Robert

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    • @ Robert
      Ich bin gegen die Abschaffung öffentlich/rechtlicher Sendeanstalten, obwohl es einigen Wildwuchs gibt, beispielsweise die von dir angeführte Selbstbedienungsmentalität bei den Führungskräften. Zudem ist der Einfluss politischer Parteien viel zu groß, was stets eine große Nähe zu den jeweils Regierenden mit sich bringt, diesen ermüdenden Verlautbarungsjournalismus. Ärgerlich ist, dass man glaubt, den Bildungsauftrag mit albernen Quizformaten erledigen zu können. Aber man findet im Programm auch viel Gutes, oft allerdings zu unmöglichen Sendezeiten.

      Schönen Sonntag
      Jules

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      • Da Du mir immerhin, was meine Argumente betrifft zustimmst, die Abschaffung jedoch ablehnst, mache ich als Kompromiss diese Vorschläge:

        1. Jeder verbleibende Sendeanstalt muss mehrmals pro Tag einen positiven Beitrag senden – also keine Quotensteigerung durch Katastrophenmeldungen/-sendungen

        2. Jeder regionale Radiosender hat maximal 3 Programme.
        2a. Die verbleibenden Sender verpflichten sich mindestens eine positive, die Menschlichkeit fördernde Nachricht pro Stunde zu senden.

        3. Die Führungsebenen werden ausschliesslich ehrenamtlich besetzt.

        Ebenfalls einen schönen Sonntag
        Robert

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  3. Dankeschön, dass du neben dem Thema der Korruption maßgeschneiderter Herrschaften auch das der Billiglöhner anschneidest und eine Reihe von Fragen stellst, die so wie sie sind das Thema einer neuen NDR Sendung sein sollten! Mein Vorschlag: Beim NDR als Programm-Vorschlag für dieselbe Zeit einreichen, zu der dieser lachhafte Freizeit-Beitrag gesendet wurde.

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