Doppeldecker-IC 2435

Der Doppeldecker-IC von Emden nach Leipzig über Oldenburg, Bremen und Hannover ist überfüllt. Die Bahn hatte schon gewarnt: „Hohe Auslastung erwartet.“ Wie geht das? Wie kann die Bahn die Auslastung vorhersagen, obwohl sie nicht weiß, wer an diesem Tag, zu dieser Zeit in die Schuhe springt, Frau, Kind oder andere Lieben verlässt, um nach Leipzig oder sonst wo zu fahren? Der Doppeldecker-IC von Emden nach Leipzig über Oldenburg, Bremen und Hannover muss sonntags regelmäßig überfüllt sein. Schon oft müssen die ohne Sitzplatz dicht an dicht auf den Treppenstufen gesessen haben, so dass kein Durchsteigen ist, ohne den einen oder anderen mit dem Fuß in die Weichteile oder am Kopf zu treffen.

Seit längerem haben Zugbegleiter einer fernen Bahnzentrale gemeldet: „Puh! Der IC 2435 war wieder pickepackevoll.“ Die Bahn reagiert darauf mit Warnungen. Sie könnte natürlich einen zusätzlichen Waggon anhängen. Aber man gönnt den Leuten die Sonntagsunterhaltung, weil es gewiss welche gibt, die sich über diese drangvolle Enge nen Keks freuen. Sie können sich an anderen reiben, bekommen von unbeholfenen Fahrgästen den einen oder anderen Tritt, und wenn sich der extra für den IC 2435 ausgesuchte kugelrunde Zugbegleiter durchquetscht, werden sie schön an die Seite gepresst und jappen wie ein auf die Planken eines Krabbenkutters geworfener Beifangfisch. Manche wählen einen überfüllten Zug in freudiger Erwartung, wie es ja auch Leute gibt, die absichtlich in einen Stau fahren oder sich zu ihrer Befriedigung mit Ruten schlagen lassen.

Übrigens ist man bei der Bahn kein Fahrgast mehr; nach neuer Sprachregelung ist man nur noch Gast, vielleicht weil die Bahn manchmal steht statt zu fahren: „Verehrte Gäste, leider fehlt in unserem Zug der Wagen X. Gäste mit Reservierungen für diesen Wagen verteilen sich bitte auf die anderen Wagen!“ Also je nach Platz Füße in Wagen 12, Arme und Beine in Wagen 13, ach nein, der fehlt auch wegen der Triskaidekaphobie, in 14, den Hintern in 15 – weitere Teile nach Belieben.

Im IC 2435 saß hinter mir eine Frauenstimme. Also, ich nahm sie zunächst nur als Stimme wahr, vermutete allerdings, dass eine ganze Frau dazu gehörte. Indem sie sprach, wuchs in mir der Wunsch, sie unbedingt beim Aussteigen in Hannover anzuschauen, der Revolverschnauze wegen. Damit meine ich nichts Derbes, sondern, dass sie die Wörter in rascher Folge wie aus einem Trommelrevolver abfeuerte. Sie sprach etwa 10 mal schneller als die neben mir sitzende Schwäbin und 20 mal schneller als ich. Am anderen Ort zu anderer Zeit war ich schon vom munter dahin plätschernden Reden gleich einem sprudelnden Bächlein fasziniert gewesen. Die Stimme hinter mir war zwar ähnlich wohlklingend, doch eher wie ein dahin schießendes Schmelzwasser, das Menschen, Autos, Baumstämme und sogar Brücken mitreißt. Der Redefluss wurde von einem eilfertig zustimmenden Mann angetrieben. Es ging um Juristerei, Arbeit für ein Ministerium, juristische Prüfung von Gesetzesvorlagen, so dass ich mich wunderte, dass derlei wichtige Persönlichkeiten wie die Stimmenbesitzer in der 2. Klasse mitfuhren. Vermutlich fehlte der für sie reservierte 1.-Klasse-Wagen, so dass die beiden sich unters gemeine Volk hatten verteilen müssen.

Beim Aussteigen warf ich einen Blick auf die Stimmenbesitzerin und fand sie unscheinbar. Das einzig interessante an ihr war ihre Stimme, weshalb sie auch damit prunkte im vollbesetzten IC 2435.