Rojin

„Wissen Sie, was „kontemplativ bedeutet?“, fragte ich die junge Friseurin, nachdem ich eine Weile fasziniert im Spiegel beobachtet hatte, wie sie überlegt und verhalten mit der Schere Haar um Haar kürzte.
„Nein.“
„Kontemplativ“ meint, in eine Arbeit versunken zu sein. So schneiden Sie mir die Haare, kontemplativ.“
„Aber positiv?“, fragte sie und sprach wie sie schnitt.
„Absolut. Es ist ein Erlebnis.“
„Danke.“
Im Augenblick war sie durch meine Bemerkung abgelenkt. Dann glitt sie in die Versenkung zurück und widmete sich schweigend meinen Haaren.

Irgendwann sagte sie: „Das lohnt sich heute.“
Während sie mir vorsichtig den Bart stutzte, sagte ich: „Der Bart ist eine Herausforderung?“
„Man braucht Geduld“, erwiderte sie gelassen.

Beim Bezahlen bat ich sie um ihren Namen, damit ich bei der nächsten Terminvereinbarung nach ihr fragen könnte. Sie schrieb ihn mir auf: „Rojin.“
„Sind Ihre Eltern Iraner?“
„Nein, wir sind Kurden“, sagte sie nicht ohne Stolz.
Später schaute ich nach und fand: „Rojin ist kurdisch und bedeutet der Tag, die Sonne oder der Sonnenaufgang.“