Aus dem Vollen der Wortschatzkiste

Zeitreise ins Jahr 1982. Ich war gerade Lehrer für Deutsch und Kunst an einem Aachener Gymnasium geworden. Obwohl die konkrete Erinnerung fehlt, muss ich mir in diesem Jahr den Duden „Das Fremdwörterbuch“, 4. Auflage, gekauft haben. Das Buch enthält 48.000 Fremdwörter.

Die im Jahr 1986 erschienene 19. Auflage des Duden „Die Rechtschreibung“ hat rund 110.000 Stichwörter. Der hochdeutsche Wortschatz umfasste demnach in den 1980-er Jahren etwa 150.000 Wörter. Da auch der Rechtschreibduden die gängigen Fremdwörter enthält, müssten etwa 10 Prozent Dubletten abgezogen werden.
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Vor einigen Tagen fand ich in der Nachbarschaft einen ausgesetzten Fremdwörterduden, genauer die 9. Auflage 2006, und nahm das Buch mit nach Hause. Ich bin bekanntlich stolzer Besitzer einer Duden-Sammlung. Sie hat einst manches Frauenherz hüpfen lassen, vor allem aber die Philatelisten mit ihren Briefmarkensammlungen allesamt ins Abseits gestellt. Meine Sammlung besteht aus 35 Bänden verschiedener Ausgaben der Duden, von 1905 an. Leider teilt sie das Schicksal mit Sammlungen abgestempelter Briefmarken. Da konnte manche Schönheit die Enttäuschung nicht verhehlen und sagte: „Die Duden-Ausgaben gelten ja alle nicht mehr, sind doch längst überholt.“ So wurde meine prächtige Duden-Sammlung schon oft schnöde entwertet. Ihren eigentlichen Forschungszweck erfüllt sie trotzdem:

Wortschatz laut Duden, 1980-er und 2000-er Jahre, Foto: JvdL

Der Fremdwörterduden 2006 ist um einiges umfangreicher als der 1982-er und enthält nun 55.000 Stichwörter. Der zeitgleiche Rechtschreibduden, 24. Auflage 2006, enthält 130.000 Stichwörter. Der deutsche Wortschatz wäre demnach in einem viertel Jahrhundert auf 185.000 Wörter angeschwollen. Natürlich hat sich in dieser Zeit das menschliche Wissen vervielfältigt; durch die Globalisierung sind fremde Kulturbereiche uns näher gerückt. Besonders die Digitalisierung hat eine Fülle neuer Begriffe hervorgebracht. Der erweiterte Wortschatz deutet darauf hin, dass unsere Sprache höchst lebendig auf veränderte Weltläufe reagiert.


Ein großer Wortschatz erlaubt dem Einzelnen die differenzierte Erfassung der Welt; vorausgesetzt, die lexikalische Zunahme spiegelt sich in seiner Sprachkompetenz. Trotzdem fällt mir beim Anschwellen unseres Wortschatzes ein, worauf der Altertumsforscher Werner Ekschmitt schon 1968 hingewiesen hat. Er beschreibt die Bibliothek von Alexandria, die vor ihrer Zerstörung geschätzte 400.000 Papyrusrollen enthalten haben soll. Für Ekschmitt ist das Anwachsen der Textproduktion ein Zeichen für untergehende Kulturen. Die Menschen untergehender Kulturen könnten die Wörter nicht mehr bei sich behalten. Nicht nur anschwellende Textproduktion verweist auf Weltuntergangs-Logorrhoe, sondern auch die rasante Wortschatzerweiterung und der zunehmende Wortgebrauch am Telefon. Ungewollt hellsichtig visualisierte T-mobile das Phänomen schon 2007. Mit dem Flatrate-Quatschen verdünnt sich die fassbare Welt, weil die Wörter an Substanz verlieren.