Rübendarwinismus

Die junge Witwe erhebt sich im Morgengrauen und geht hinab in die Wohnküche. Sie stellt eine Zinkschüssel in den Spülstein und lässt Wasser einlaufen für eine eilige Katzenwäsche. Dann zieht sie sich an, holt Brot, Butter, Milch und Marmelade von einem Ablagebrett über der Kellertreppe. Ein erdiger, kühler Hauch weht ihr aus der Kellerschwärze entgegen. Er hält die Lebensmittel frisch und verleiht ihnen Würze. Sie deckt den Tisch für die drei Kinder und isst zwischendurch ein Brot. Dann geht sie hinauf ins Schlafzimmer, wo die Kleinen noch im halbverwaisten Ehebett schlafen. Wie winzig sie in den großen Betten wirken, zusammengerollte kleine Körper unter der Bettdecke. Beide lutschen noch am Daumen. Sie weckt die Kinder, trägt das kleine Mädchen auf dem Arm hinab, und der Junge torkelt verschlafen hinter ihr her. In der Wohnküche fährt sie ihnen mit einem nassen Waschlappen durchs Gesicht und hilft beim Anziehen. Die beiden müssen sich beim Essen beeilen. Wie langsam kaut der Junge. Kein Wunder, dass er nicht richtig wächst. Während er noch dasitzt und lustlos mahlt, trägt sie seine Schwester hinüber in die andere Straße, wo die Großeltern wohnen. Wie sie zurück ist, weckt sie den Großen und sagt ihm, dass er am Mittag bei der Großmutter essen soll. Sie geht wieder hinunter, zwingt den Kleinen, sein Milchglas zu leeren, zieht ihm die Joppe an und die verhasste Wollmütze über die Ohren.

Der Morgen ist noch frisch. Sie gehen zum Gehöft auf der anderen Straßenseite. Auf dem Hof stehen andere Frauen wartend beieinander. Bauer und Knecht spannen den Anhänger an den Traktor. Der Bauer legt den Rückwärtsgang ein, lässt die Kupplung kommen und ruckelt auf die schwere Deichsel zu, bis sie mit dem Zapfenloch in der Anhängerkupplung liegt und der Knecht den Zapfen einstecken kann. Dann lässt der Knecht die hintere Klappe des Anhängers herunterfallen. Es liegen Strohballen auf der Pritsche, damit die Frauen bequem sitzen können. Sie klettern der Reihe nach hinauf. Der Bauer packt den Jungen und hebt ihn hinterher. Wortlos. Noch nie hat er ein Wort an dieses Kind gerichtet. Wozu auch.

Aus dem Haus kommt die Bäuerin mit der Magd. Sie schleppen eine große Milchkanne mit heißem Milchkaffee, einen Korb mit eingewickelten Butterbroten und stemmen den Proviant hoch zu ausgestreckten Händen. Dann schwingt sich der Bauer in die Sitzschale seines Traktors und steuert das Gespann durch das Hoftor auf die Straße. Der Knecht sitzt neben ihm auf dem Radkasten.
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