Vorsicht klebrig!

Dem Menschen sind in seinem Leben mancherlei Orte, Dinge, Sachverhalte und Personen geläufig. Doch gelegentlich endet eine Geläufigkeit, mal geplant, mal ungeplant. Gerade das ungeplante Enden einer Geläufigkeit beschäftigt mich. Im jeweils gegenwärtigen Augenblick weiß man nicht, dass man dies oder jenes zum letzten Mal tut oder erlebt. Da läutet keine Handglocke und zeigt das Ende einer Ära an. Folglich rückt das Ende einem kaum oder gar nicht ins Bewusstsein. So muss ich beispielsweise vor mehr als einem halben Jahrhundert das letzte Mal Rübenkraut gegessen haben, ohne zu ahnen, dass es für lange Zeit aus meinem Leben verschwinden wird.

Kürzlich bekam ich ein Glas Rübenkraut geschenkt, und heute habe ich Rübenkraut auf ein Milchbrötchen getan. Ich war gespannt auf den Geschmack und ob er eine Erinnerung wachrütteln würde.

In meiner Kindheit war Rübenkraut, schlicht „Kraut“, ein preiswerter Brotaufstrich. Man aß es auch auf Reibekuchen. Zunächst wundere ich mich über das Wort Kraut, denn es wird ja nicht aus den krautigen Blättern der Zuckerrüben gewonnen, sondern aus der Zuckerrübe selbst. Zuckerrüben hatten für mich in meiner Kindheit schon Bedeutung. Nach dem frühen Tod meines Vaters arbeitete meine Mutter gelegentlich beim Bauern. Ich musste sie oft aufs Feld begleiteten, beispielsweise zum Rübeneinzeln. Dabei rutschten die Frauen auf Knien durch die Planzreihen und fuhren mit der Hacke durch die sich gerade aus der Ackerkrume reckenden Pflänzchen, um nur das größte stehenzulassen.

Ich kenne die Zuckerrübe von klein auf, sah die Knollen gehäuft am Feldrand, erinnere mich an die Rübenkampagne im Herbst, wenn die Traktorgespanne den Schlamm der Felder auf den Straßen verteilten, kenne den schwach süßen Geschmack der rohen Rübe, weiß, wie ihre ausgepressten, getrockneten Schnitzel schmecken, die wir Kinder zu essen versuchten, obwohl sie eigentlich Viehfutter waren. (Foto: JvdL)

Heute Morgen aß ich nach langer Zeit wieder Rübenkraut. Man muss sich dabei mehr vorsehen als beim Honig, sonst klebt einem der zuckersüße Sirup überall. Natürlich erkannte ich den Geschmack wieder, glaubte aber, dass der leicht bittere Unterton von einst fehlte.