Die Digitalisierung der Vorahnung

Als hätte ich nie Vorahnungen gehabt. In den 1980-er Jahren schrieben zwei Freundinnen und ich uns rege hin und her. Die eine hieß Christine, die andere Susanne und waren ihrerseits befreundet. Christine studierte in Wien, Susanne in Berlin. Wir schrieben uns lange, mehrseitige Briefe mit der Hand über Themen, also keinen Beziehungskram. Meine Frau nahm das locker. Sie pflegte meine Post auf die Küchenfensterbank zu legen. Wenn ich von der Schule nach Hause radelte, ahnte ich, dass da Post für mich liegen würde.

Zu jener Zeit drängte es mich, Cartoons oder Texte an diverse Redaktionen zu schicken, nach Frankfurt zur TITANIC, nach Hamburg zur ZEIT. Man sandte mir anfangs freundlich formulierte Formblätter, von ungenannten Redaktionsmitarbeiterinnen in einen Umschlag gesteckt. Ich brauchte viel Frustrationstoleranz, bis ich in die Liga aufstieg, dass mir Redakteure frei formulierte Briefe schickten, woraus sich ergab, warum man die Einsendung nicht drucken wollte, später dass, wann und wie man sie ins Heft heben würde. Auch diese Briefe ahnte ich voraus. Wie das funktioniert, kann ich nicht erklären. Sehnlichst erwartete Ereignisse wie eine Briefantwort kündigten sich mir aus der nahen Zukunft an.

Nur einmal versagte meine Ahnung. Ich hatte eine ganzseitige kalligrafische Arbeit an die Zeit geschickt und fand eines Tages eine Antwort der Redaktion vor. Da frohlockte ich ob der Tatsache, dass ich nicht die Arbeit zurückbekam, sondern ein Brief auf der Fensterbank lag. Es war trotzdem eine Ablehnung. Die Versandrolle mit meiner Arbeit hatte der Postbote bei meiner Nachbarin abgegeben. Getrennte Sendungen zu einem Sachverhalt unter Einbeziehung der Nachbarin waren wohl zu kompliziert für meine Vorahnung.

Gestern erreichte mich ungeahnt eine E-Mail von GMX:

    „haben Sie schon die Briefankündigung aktiviert? Indem Sie kostenlos über Briefe, die Ihnen gerade zugestellt werden, informiert werden, bleiben Sie stets auf dem Laufenden über Ihre Post. Noch mehr Online-Infos über Ihre Post erhalten Sie mit der ebenfalls kostenlosen Zusatzfunktion „Digitale Kopie“, die es ermöglicht verfügbare Briefinhalte auch als PDF-Anhang zu bekommen.“

Nanu? Wie soll das gehen? GMX erklärt:

    „Ganz einfach: Heutzutage werden einige Briefe, z. B. von Banken oder Versicherungen bereits digital bei der Post eingeliefert, dort gedruckt und verschickt. Diese digitale Version können Sie jetzt als „Digitale Kopie“ anfordern. Dann erhalten Sie zusätzlich zum Umschlagbild eines Briefes auch den Inhalt als PDF.“

Gut zu wissen wie die Digitalisierung der Vorahnung funktioniert. Wo aber bleibt das Postgeheimnis, wenn Anbieter wie GMX in die Geschäftspost schauen? Offenbar gilt das erst, sobald ein Brief in einem geschlossenen Umschlag steckt. Vorher darf die Post Inhalte von Geschäftsbriefen an GMX verkaufen. Eigentlich skandalös. Ich möchte das nicht. Meine rein private Vorahnung reicht mir.