Eine Furcht, stärker als der Mutter Hand

Ohne Erlaubnis ist ein Wanderer im unwegsamen Gebirge meiner Erinnerung unterwegs. Manchmal löst sich ein Brocken unter seinem Fuß, poltert herab und trudelt durch mein Bewusstsein. Da erinnere ich mich plötzlich an ein Erlebnis, bei dem ich etwa fünf Jahre alt war. Meine Mutter fuhr mit mir und meiner Sandkastenfreundin Josie mit dem Zug zu einem Verwandtenbesuch an die Mosel. Es waren Josies Verwandte. Josies Mutter stammte aus dem kleinen Moseldorf Ernst. Es gibt ein verschollenes Schwarz-weiß-Foto, so eines mit dem geriffelten weißen Rand. Meine Mutter in der Mitte trägt einen weiten Rock, eine Jacke und einen kecken Hut. Sie hat links und rechts Josie und mich an der Hand.

Gerade frage ich mich, wer das fotografiert hat. Vielleicht ist das Foto eines jener falschen Erinnerungen, die sich gerne mit richtigen verbacken, so dass ein nicht aufzulösendes Konglomerat entsteht.

Es war für mich die erste Fahrt mit der Eisenbahn. In Koblenz mussten wir umsteigen. Wir gingen durch eine belebte Unterführung, als uns ein Soldat oder Polizist in Uniform entgegenkam. Plötzlich bekam ich große Angst. Ich riss mich von der Hand meiner Mutter los und rannte weg. Warum der Uniformierte mich so ängstigte, weiß ich nicht. Böse Zungen könnten vermuten, dass ich wohl bereits im Kindergarten ein kleiner verstockter Verbrecher war, der die Polizei fürchten musste. In Wahrheit habe ich im Leben nur wenig mit der Polizei zu tun gehabt. Einmal, mit 19 Jahren wurde ich vorgeladen, weil ich in der Druckerei Fehldrucke von Fahrscheinen der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) an mich genommen hatte. Ich gab an, ich hätte ein einziges Blöckchen genommen, um daraus eine Collage zu gestalten, denn Leute vom grafische Gewerbe sähen in den Drucksachen einen anderen Wert als deren Auftraggeber. Die Sache wurde fallengelassen. Meine Furcht vor Soldaten war begründeter. Niemand versieht das Kriegshandwerk, niemand tötet seine Mitmenschen, ohne innerlich abzusterben. Folglich bin ich Kriegsdienstverweigerer.

An die Mosel gelangten wir damals doch, trafen wohl erst im Dunkeln ein. Am nächsten Morgen erwachte ich und sah vor dem Fenster eine Nebelwand. Als es heller wurde, verwandelte sich die Nebelwand in einen direkt hinterm Haus aufragenden Weinberg. Nie zuvor hatte ich einen derartig steilen Berg gesehen. Und dass ihm erlaubt war, so dreist gegen das Haus vorzurücken, war mir unbegreiflich.

Als Jugendlicher nächtigte ich mit Freunden in der Jugendherberge des Moselstädtchens Cochem. Josies Bruder Werner war auch dabei. Wir beschlossen, nach Ernst zu seinen Verwandten zu trampen. Eine Gruppe um Werner fand zuerst eine Mitfahrgelegenheit. Wir folgten wenig später nach. Ich erinnerte mich, dass die Verwandten Göbel hießen. Wir fanden im Ort eine Bäckerei, eine Metzgerei, einen Gasthof, ein Weingut Göbel, aber unsere Freunde waren verschwunden.