Sich auskennen – eine schwindende Kulturtechnik

Wenn sich der Aachener irgendwo nicht auskennt, dann sagt er: „Hier kenn‘ ich mich nicht.“ Durch die fehlende Präposition „aus“ wird die Blickrichtung verändert, weg vom geografischen Umfeld auf den Sprecher. Mir scheint, dass mit „hier kenn ich mich nicht“ ziemlich gut der innere Zustand beschrieben wird, in dem sich befindet, wer in fremder Umgebung unterwegs ist. Wer sich gewöhnlich in einem vertrauten Streifrevier bewegt, erlebt sich auf befremdliche Weise, in der er sich nicht kennt. Man fühlt sich orientierungslos und verunsichert. In diesen Zustand geriet ich vergangenen Samstag per Fahrrad auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier in einem Schrebergarten.

„Guten Tag, wo ist denn hier die Constantinstraße?“, frage ich den jungen Vater, der gerade sein Baby in der Trage aus dem Auto gehoben hat.
„Kann ich Ihnen gleich sagen“, sagt er und stellt die Trage ab.
Dann holt er sein Smartphone hervor und indem er fragt:
„Mit C oder K?“,
„Mit C“, gibt er „Constantinstraße“ ein. Ich hatte nicht vorgehabt, ihm so einen Aufwand abzuverlangen, dass er sein gutes Kind in den Staub stellen muss, sondern hatte ganz naiv gedacht, er könnte mir den Weg aus der Erinnerung an eigene Ortskenntnis sagen, denn die gesuchte Straße muss ganz in der Nähe sein. Freilich kann er auf seinem Smartphone einen Schleichweg durch ein ausgedehntes Schrebergartengelände ablesen, der mich exakt an das Ziel meiner Verabredung bringt: zum Parkplatz am anderen Ende des Geländes.

Sich auszukennen, ist offenbar nicht mehr nötig. Google Maps ist da präziser. Innere Landkarten der näheren Umgebung werden nicht mehr angelegt, im Bewusstsein, jederzeit auf die Navigation-Applikationen zugreifen zu können. Man muss sich nicht mehr in der Gegend auskennen. Es reicht, sich auf dem Smartphone auszukennen, zu wissen, wo man die Navigations-App findet und wie sie zu bedienen ist. In den unerfreulichen Zustand, sich wie der Aachener „nicht zu kennen“, gerät nur, wem die technische Hilfe versagt, was bekanntlich nie vorkommt. Darum geht, sich auszukennen verloren wie die Handschrift und die Fähigkeit des Kopfrechnens.

Später unterhielt ich mich mit einem Mitglied des Fahrradclubs ADFC über das Lesen von gedruckten Landkarten und dass auch diese Kulturtechnik bald überflüssig sein wird. Er sagte, im Gegenzug würden die Landkarten immer weniger Informationen enthalten. Auf meine erstaunte Nachfrage, ergänzte er, früher seien beispielsweise noch Überlandleitungen eingezeichnet gewesen.

Die schwindende Informationsdichte bei Landkarten ist plausibel. Denn die Informationen bei den diversen Institutionen und Unternehmen einzuholen, ist ein Kostenfaktor. Die Auflagen von gedruckten Karten sinken. Daher müssen Kosten gespart werden.