Ein Traum wird wahr

Einmal in meinem ganzen Leben habe ich einen Wahrtraum geträumt, also träumerisch vorweggenommen, was noch gar nicht geschehen war. Wie so etwas möglich ist, weiß ich nicht. Denn gemeinhin folgen Ereignisse chronologisch aufeinander und es tritt nicht eines vom Kopf der Reihe ab und mogelt sich irgendwo nach hinten. Aber die Erinnerung ist über die Jahre frisch geblieben, denn ein Wahrtraum ist eine derart erstaunliche Erfahrung, dass man sie nicht mehr vergisst. Ich war noch ein kleines Kind. Damals lebten wir zur Miete auf einem alten Gehöft, das der ältlichen Jungfrau Cäcilia Küttelwäsch gehörte. Wir hatten dort nur zweieinhalb Zimmer.

Das halbe Zimmer war ein kleines Gelass unter der Dachschräge, in dem gerade Platz für ein Bett und eine Kommode war. An der rückwärtigen Seite hatte es eine verschlossene Türluke, durch die man in den Raum über der Toreinfahrt gelangen konnte. Die Tür war wie der Rest des Zimmers tapeziert und hatte ein Schlüsselloch, in dem ein Schlüssel stak. Ich habe die Luke aber nie offen gesehen. Trotzdem gab sie dem Zimmerchen die Aura eines Durchgangs. Man konnte sich darin nicht wirklich wohlfühlen.

Mein fünf Jahre älterer Bruder war einst der alleinige Bewohner gewesen. Nachdem ich aus dem Kinderbettchen im Elternschlafzimmer verbannt worden war, musste mein Bruder Bett und Gelass mit mir teilen. Er wird nicht ganz traurig über seinen neuen Mitbewohner gewesen sein, denn rückblickend glaube ich, dass er dort Angst hatte. Das Zimmer bot nur einen tröstlichen Luxus, einen Lichtschalter direkt an der Wand neben dem Bett. Mein Vater hatte ihn dorthin verlegt, damit mein Bruder jederzeit Licht machen konnte, wenn ein nächtliches Knistern, Knacken und Huschen ihn geweckt und erschreckt hatte. Daher vertrugen wir uns gut im gemeinsamen Bett, obwohl er mir sonst keinen weiteren Platz im Zimmer zugestand.

Im wesentlich größeren Dachzimmer nebenan wohnte das Ehepaar Köhn, er ein sehniger, schweigsamer Mann, auf dessen rechten Unterarm ein Indianer mit prächtigem Kopfschmuck tätowiert war. Von Beruf war er Eisenbieger. Wenn Herr Köhn seine Unterarmmuskeln spielen ließ, zog der Indianer Grimassen. Frau Köhn war eine lebensfrohe, attraktive, mollige Dresdnerin und arbeitete als Sekretärin bei der Genossenschaft. Beide waren sogenannte Flüchtlinge.

Eines Abends schenkte mir Frau Köhn eine Aprikose. Ich hatte noch nie eine Aprikose gesehen und hielt sie für eine unbekannte Sorte Pfirsich. Meine Mutter schlug vor, die Aprikose für den nächsten Morgen zu verwahren. Sie legte sie auf die Kommode, wo ich sie ansah, bis es dunkel geworden war. In der Nacht räumte ich von der Aprikose, biss hinein und war enttäuscht, dass sie nicht die erwartete Süße eines Pfirsichs hatte, sondern säuerlich schmeckte, mit einem bitteren Unterton. Diese Geschmackserfahrung im Traum war ziemlich deutlich. Als ich am Morgen in die Aprikose biss, schmeckte sie genau wie erträumt.

Es muss ein Wahrtraum gewesen sein. Wie konnte ich den Geschmack träumen, obwohl ich zuvor noch nie eine Aprikose gegessen hatte? War in der Nacht das Raum-Zeit-Kontinuum durcheinander geraten? Eine Störung der Kausalität? Oder hatte ich im Traum Anteil am kollektiven Weltwissen der Menschheit? In jedem Fall glaube ich, dass man derlei Erfahrungen nur in Dachstuben machen kann.

Musiktipp
Attic Thoughts
Bo Hansson

15 Kommentare zu “Ein Traum wird wahr

  1. Hallo
    Unbewußtheit im Traum aufzuspüren und sich daran im sgnt. Wachzustand zu erinnern ist mehr als nur ein Aspekt von Luzidität. Die schamanastischen Welten indigener Menschen und auch anderer alter Kulturen erachten die Fähigkeit zeitlos in die Zukunft zu schauen als VISION. Herzlichen Dank für die Worte bzgl. realistisch erlebter Wahrnehmung des Geschmacksinnes. Klarträume sind Wahrträume so sie sich in uns Menschen tief einprägen. Wie und wann sie sich bewahrheiten, mag sagen ob sie sich uns offenbaren, steht in direktem Zusammenhang mit unserer dbzgl. Wahrnehmung/mit dem Fokus auf die Außenwelt. AYNI ist ein Wort aus der alten Sprache (Quechua) der Inkas und bedeutet Resonanz und auch Reziprozität. As above so below und Innen wie Außen
    liebe Grüße und einen wunderbaren sonnigen Tag gewünscht

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      • Schade denn mir scheint da viel Potential in deinen jungen Jahren gewesen zu sein. Andererseits ist luzides Träumen, also dieses der eigenen Unbewußtheit auf die Spur zu kommen auch jahrzehntelange Arbeit an sich selbst.
        Dies Ƣ ist ein altgriechisches Zeichen und so Mensch will, erschließt sich alles andere (chamanic, AMA, magnetic, AYNI, irdische Meriane etc.)
        Oha*grüble nicht* das wäre ein sehr langes Wort, vielmehr eine sehr lange Lebenserzählung und auch dann würde unser Alphabet nicht ausreichen um Verständlichkeit zu erzeugen.
        Insonahfern*lächle* Axel
        auch AEION for U

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        • Danke, Axel. Du ziehst es also vor, im Blog einen unaussprechlichen Namen zu haben, desgleichen hermetische Überschriften, eine Hypothek in einem Medium, das auf wechselseitige Kommunikation angelegt ist. Da passt, was der Stillehrer Wolf Schneider 2012 über Blogs gesagt hat: „(…) offenbar in der Hoffnung verfasst, erst gar nicht gelesen zu werden.“ 😉

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  2. Hoffnungslose Realistin, die ich bin, würde ich sagen, wahrscheinlich hast du, ohne es bewusst zu registrieren, gehört, dass jemand von dem eher sauren Geschmack sprach. Manchmal sind solche Erfahrungen aber so schön, dass man sie gar nicht hinterfragen möchte …

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    • Das Ereignis liegt sehr lange zurück. Ich wurde gestern daran erinnert, weil meine Lebensgefährtin Aprikosen gekauft hatte.Durch die Lebensumstände auf dem Dorf ist ausgeschlossen, dass man sich über Aprikosen unterhalten hat. Auch kann die Schilderung eines Geschmacks bei mir keine Geschmackserlebnisse auslösen. Dein letzter Satz gefällt mir. Mir reicht ein unerklärliches Phänomen. Ich muss keine Erklärung zurechtschustern.

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  3. Du hast zweifelsohne am kollektiven Weltwissen der Menschheit teilgehabt, lieber Jules. Im Traum war es dir zugänglich. Tieren ist das Wissen ihrer Artgenossen auch im Wachzustand zugänglich, wie die Untersuchungen zum „siebten Sinn der Tiere“ (Rupert Seldrake) zeigen. Ich vermute, dass den Menschen diese Fähigkeit im Zuge ihrer Individualisierung und Intellektualisierung abhanden kam. Im luziden Traum aber hat man gelegentlich Zugang dazu.

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