„Frauebrür“ – Das schmackhafte Frauenbrötchen

Kaum ein Beitrag im Teestübchen in letzter Zeit bekam soviel Resonanz wie die beiden Butterbrottexte. Das verzeichne ich mit leisem Bedauern, denn andere Themen liegen mir mehr am Herzen. So zweifelte ich tagelang, ob ich den Text „Auf ein Butterbrot“ überhaupt veröffentlichen sollte. Inzwischen hat sich aus den beiden Texten aber neben dem Kulinarischen auch ein interessanter sprachlicher Gesichtspunkt ergeben, so dass ein Update nötig wurde. Anlass für alles war ja eine Frühstücksgewohnheit, die meine Lebensgefährtin wunderlich fand, nämlich das Deckeln einer Brötchenhälfte mit einer Scheibe Schwarzbrot. Sie glaubte, das „weltweit“ noch nirgends gesehen zu haben, während ich wusste, dass diese Deckelung im Rheinland bekannt ist. Ich bin sicher, dass ich mir die Deckelung nicht ausgedacht habe, sondern dem Vorbild meines älteren Bruders gefolgt bin. Die Behauptung im vorigen Text, ich hätte die Welt um gedeckelte Brötchenhälften bereichert, bezog sich nur scherzhaft auf die Bemerkung der Schwäbin.

In Aachen hat ein solches Brötchen sogar einen Namen: „Frauenbrötchen.“ Das spezielle Brötchen hatte ich mir in der Kur beim Frühstück geschmiert und wurde von einer Tischnachbarin belehrt, dass mein Brötchen in Aachen „Frauenbrötchen“ genannt wird. Sie wusste auch eine Erklärung zu geben, die ich nicht ganz plausibel fand, zumal ich in 25 Jahren meiner Aachener Zeit nie davon gehört hatte. Auch der rührige Aachener Kollege Peer van Daalen kannte es nicht. Den ersten Hinweis gab Kollege Noemix. Er hatte auf der Seite „Frag Mutti“ den Hinweis einer Annegretn gefunden: „Das nannte man in den 50er/60er Jahren im Rheinland „Frauenbrüderchen.“ Quelle Noemix verwies hellsichtig auf die lautliche Ähnlichkeit von „Frauenbrötchen“ und „Frauenbrüderchen.“ Aufklärung brachte G.Cüsters, ein mir bislang unbekannter Teestübchenbesucher in folgendem Kommentar:

    „Als von den Großeltern „e Oche“ aufgezogenes Blag bin ich des Öcher Platts sowohl passiv als auch aktiv mächtig. „Frauebrüüdche“ hab ich auch immer verstanden und mir ewig mit „Frauenbrötchen“ übersetzt. Diese Gewissheit kam, ich weiß nicht mal mehr, wann und wie, eines Tages ins wanken.Inzwischen habe ich einen anderen, durchaus plausibel klingenden Ansatz:
    zwischen Kasernenstraße und Im Mariental, wo sich früher mal das Arbeitsamt befand, gibt es eine kurze Straße mit dem Namen „An den Frauenbrüdern“. Bei besagten Frauenbrüdern handelt es sich um Ordensbrüder der Karmeliter, die im Volksmund bspw. auch in Köln genau so genannt wurden. Das Ordenskleid dieser Mönche besteht aus einem weißen Chormantel mit einem braunen Skapulier darüber, was ein bisschen an eine Tafel Kaffee-Sahne-Schokolade erinnert. Diese Farbkombination findet sich in der Kombination des halben Brötchens mit dem Schwarzbrot wieder. Nach meinem Dafürhalten handelt es sich also eher um ein „Frauebrüerche“, also ein „Frauenbrüderchen“. Ich lasse mich da aber auch gerne eines besseren belehren.

Nicht nötig, lieber G.Cüsters. Vielen Dank für den erhellenden Hinweis! Tatsächlich fand ich dazu den Beleg in Will Hermanns; Aachener Sprachschatz, 1970, fotomechanischer Nachdruck 1992. Ich hätte gleich mal nachschlagen können.

Das „Frauenbrötchen“ ist demnach ein Wort der Volksetymologie. Nicht mehr Verstandenes wird lautlich verfälscht und bekommt eine neue Plausibilität. Die Erklärung der dicken Frau könnte sogar ihre eigene sein. Volksetymologie ist ein wesentlicher Motor der Sprachentwicklung. Selten hilft es gegenzusteuern, wie ich am Beispiel „Halbschwarz“ schon zeigen konnte. Ob es nun korrekt „Frauebrür“ oder volksetymologisch „Frauenbrötchen“ heißt, Hauptsache es schmeckt!