Held des Schwarzbrotdeckels

Am vergangenen Sonntagmorgen bestrich ich eine Brötchenhälfte mit Margarine, belegte sie mit einer Scheibe mittelaltem Gouda, darauf vier Scheiben Ei, hartgekocht und zwei Tomatenscheiben, würzte mit Pfeffer und Salz und deckelte das mit einer Scheibe Schwarzbrot. Erneut sagte die Schwäbin sie kenne niemanden, der sich eine solche Stulle zum Frühstück schmiert und ergänzte „weltweit nicht.“ Sie ist eine weitgereiste Frau, so dass ich „weltweit“ durchaus ernst nehme. Die Deckelung eines solchen Brotes hat praktische Gründe, denn so bleibt der Belag am richtigen Ort und bietet das gebündelte Geschmackserlebnis.

Man kann natürlich derlei aufgetürmten Belag auch ungedeckelt lassen. Dann aber ist eine Brötchenhälfte ungeeignet und sollte durch eine Brotscheibe ersetzt werden. Eine solche Stulle isst man am besten mit Messer und Gabel.

Im letzten Jahr während meiner Kur in Aachen hat mich eine sehr dicke Frau belehrt, eine mit Schwarzbrot gedeckelte Brötchenhälfte heiße in Aachen „Frauenbrötchen“, weil das Schwarzbrot die Verdauung fördere, womit ein Frauenproblen gelöst wäre. Ich habe zwar gut 25 Jahre in Aachen gelebt, doch nie zuvor von einem „Frauenbrötchen“ gehört, was wiederum zeigt, dass Ortskenntnis nicht bedeutet, alle kulturellen Üblichkeiten zu kennen, was natürlich auch für „weltweite“ Ortskenntnis gilt. Es kann immer noch eine dicke Frau oder sonst ein Spezialist den Finger heben und mit Neuigkeiten aufwarten. Überdies wären die Schöpfer des Begriffs „Frauenbrötchen“ zu rügen, da er impliziert, Verstopfung wäre ein Frauenproblem. Allerdings habe ich im Vorabendprogramm von ZDF und ARD schon diverse Werbespots gesehen, in denen Mittel für einen leichteren Stuhlgang angepriesen werden. Akteure vulgo Erleichterte sind in den Spots allesamt Frauen. Die Pharmaindustrie wird ihre Zielgruppe kennen.

Die Rede sei wieder von gedeckelten Stullen, die es „weltweit“ nur bei mir geben soll. Bei allen gesellschaftlichen Zwängen zur Konformität möchte doch jedes Individuum einzigartig sein. Ich könnte mich also damit zufriedengeben.

    „Gerne wäre er aus besseren Gründen gefeiert worden, doch er hat die Welt um gedeckelte Stullen bereichert.“

Da stünde ich in einer Reihe mit John Montagu, dem 4. Earl of Sandwich und dem legendären Fernsehkoch Clemens Wilmenrod, dessen Person und Name in Deutschland untrennbar mit dem Toast Hawaii verknüpft ist. Wilmenrod war kein Koch und im Hauptberuf Schauspieler, verfasste ein 400 Manuskriptseiten dickes Buch mit dem Titel „Ohne mich“, fand aber keinen Verleger.

    „Auch JvdL hat einiges geschrieben und hatte keinen Verleger. Schauspielern konnte er nicht. Sein Bestes war der Schwarzbrotdeckel auf der Stulle.“ Vielen Dank.

Die Begriffe Deutschland und weltweit verweisen auf einen bislang unberücksichtigten Aspekt. Sind nicht alle Fisimatenten, die einer mit der Stulle anzustellen beliebt, auf eng definierte geografische Bereiche beschränkt? Geht es nicht letztlich um Kulturgrenzen? In welchen Ländern ist die Stulle überhaupt fester Bestandteil der Mahlzeiten? Wo kennt man das Butterbrot? Vielleicht liegt schon in den Anrainerstaaten die Butterbrot-Diaspora. Man belehre mich. Das Butterbrotzentrum liegt vermutlich in Deutschland, wo es mehrere tausend Brotsorten zur Auswahl gibt und Brot sogar eine eigene Zeit hat, die „Brotzeit.“

34 Kommentare zu “Held des Schwarzbrotdeckels

  1. „Frauenbrötchen Seite 2“ hab ich auch noch nie gehört, aber ist mir durchaus bekannt und in bester Erinnerung :-).

    Mein alter Freund „Napo“ aus Burtscheidt (aus irgendeiner Abstammungslinie von Joachim Murat, dem Schwager Napoleons seinerzeit) und aus der Abendschule, der Uni und vielen späteren gemeinsamen Arbeitsstellen, hatte auf unserer Arbeitsstelle im Eurogress und bei den späteren Montagetouren durch Europa unzählige „Frauenbrötchen“ dabei, die von seiner Mutter – neben weiteren üppigen Fresspaketen – stets mit größter Sorgfalt mit Butter und diversen Beilagen für halbe Kompanien angefertigt worden waren.

    Waren schöne Zeiten on the road …

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  2. In Ö gibt es ebenfalls gefühlte 1000 Brot-und Gebäcksorten, die mit verschiedenstem beschmiert und belegt werden. Ja, und auch gedeckelt werden. Nur heißen Sie nicht Stullen. Solche wirklich wichtigen kulturellen Errungenschaften werden gerne mehrfach erfunden und somit ist dein Ruhm als Entdecker keineswegs geschmälert 😊

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  3. „Brotzeit“ wird als Wort in dem bayrischen Raum verwendet. Ich kannte das Wort seit Kindesbeinen an nur als „Frühstück“. Zum Thema „Brotzeit“ gibt es interessantes zu lesen, was die Alltagssprache betrifft: www. atlas-alltagssprache. de/runde-4/f02/ Ersteller der Forschung sind zwei Professoren, einer aus Augsburg, der andere aus Aachen. Viel Spass beim Schmöckern auf deren Seiten

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  4. Also vom crossdressing bei der Stulle hatte ich bisher noch gar nichts gehört. Bei mir versucht gerade der Verstand die verschiedenen Konsistenzen von Brötchen und Bauernbrot zusammen zu bringen. Ich denke, das muss ich mal probieren. Wer darf bei der Geschichte denn Oben liegen?

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  5. Dein Brötchen hätte original das meine sein können, wobei das Schwarzbrot für das perfekte Geschmackserlebnis unerlässlich ist, während die Tomaten auch mal ausfallen oder durch Gurken ersetzt werden dürfen. Unbedingt darf es sich nur um ein frisches, helles Weizenbrötchen (oder eine Scheibe Stuten) handeln. Als Kind trank ich dazu ein Glas kalte Milch, inzwischen Milchkaffee.

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  6. Interessiert verfolge ich hier die Geschichte mit dem „Frauenbrötchen“.
    Als von den Großeltern „e Oche“ aufgezogenes Blag bin ich des Öcher Platts sowohl passiv als auch aktiv mächtig.
    „Frauebrüüdche“ hab ich auch immer verstanden und mir ewig mit „Frauenbrötchen“ übersetzt.
    Diese Gewissheit kam, ich weiß nicht mal mehr, wann und wie, eines Tages ins wanken.
    Inzwischen habe ich einen anderen, durchaus plausibel klingenden Ansatz:
    zwischen Kasernenstraße und Im Mariental, wo sich früher mal das Arbeitsamt befand, gibt es eine kurze Straße mit dem Namen „An den Frauenbrüdern“.
    Bei besagten Frauenbrüdern handelt es sich um Ordensbrüder der Karmeliter, die im Volksmund bspw. auch in Köln genau so genannt wurden. Das Ordenskleid dieser Mönche besteht aus einem weißen Chormantel mit einem braunen Skapulier darüber, was ein bisschen an eine Tafel Kaffee-Sahne-Schokolade erinnert.
    Diese Farbkombination findet sich in der Kombination des halben Brötchens mit dem Schwarzbrot wieder.
    Nach meinem Dafürhalten handelt es sich also eher um ein „Frauebrüerche“, also ein „Frauenbrüderchen“.
    Ich lasse mich da aber auch gerne eines besseren belehren.

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    • Vielen Dank für deine interessanten Ausführungen. Die Herleitung aus „Frauebrüerche“ erscheint mir plausibel. Kollege noemix hat weiter oben schon auf den „phonetisch ganz ähnlichen Ausdruck“ “Frauenbrüderchen“ hingewiesen. „Frauenbrötchen“ wäre demnach eine volksetymologische Umformung. Obwohl es in der Etymologie nicht um Gefallen oder Missfallen geht, gefällt mir „Frauebrüerche“ wesentlich besser als „Frauenbrötchen.“

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  7. Ein hochinteressanter Beitrag – vielen Dank dafür.
    Eine Brötchenhälfte mit einer formgerecht dazu passenden Scheiben dunklen Brotes zu bedecken, um die dazwischen gelegten Köstlichkeiten vor der Unbill der Schwerkraft zu bewahren: es reizt mich zur Nachahmung.

    Allein das Wort Margarine liess mich ebenso stutzen wie die bisher völlige Unerwähnung dieser ekligen Chemikalie in den Kommentaren. Dabei könnte die Kenntnisnahme einer Dokumentation über die Herstellung und vor allem die verwendeten Ingredienzen besagten Schmierstoffes einen jeden Menschen mit funktionierenden Geschmacksnerven davor bewahren, Margarine zum Zwecke der Ernährung zu verwenden.

    Schöne Grüsse
    Robert

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  8. Wenn dieser schmackhafte Artikel von JvdL weiterhin so formidable läuft, dann sind wir pünktlich zu Ostern beim Poschweck, auch Aachener Osterbrot genannt …

    Das kann ja noch heiter, aber auch sehr lecker werden 🙂

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