Herr Erlenberg muss reisen – Verschwistern Sie sich!

Schmerzlich sei der heftige Streit mit ihrer Schwester gewesen, der mit dem völligen Zerwürfnis endete. Es geschah in der Küche der Petra-Schwester. Petra berichtet: „Also, wenn ich eine Sauce abschmecke, spüle ich den benutzten Löffel nachher ab. Meine Schwester legt ihn einfach neben den Kochtopf und taucht ihn zum nächsten Umrühren und Verkosten wieder ein. Sie wollte nicht einsehen, dass die mehrfach Benutzung des Löffels unhygienisch ist.“

Die Konzerin scheint zu vergegenwärtigen, dass sie es wie die Schwester hält und meint:
„Aber sich wegen dieser Kleinigkeit zu überwerfen?“

Petra ist unzufrieden und sucht Bestätigung bei Erlenberg: „Was sagen Sie dazu, mein Herr?“
Zu seinem Missvergügen sieht sich Erlenberg in das Gespräch einbezogen.

„Das bisschen Spucke am Löffel ist sicher zu vernachlässigen, besonders wenn Suppe oder Sauce kochen. Außerdem gebe ich zu bedenken, dass es Kulturen gibt, in denen Mahlzeiten vorgekaut werden, nicht nur für die noch zahnlosen Kleinkinder. Es ist offenbar unschädlich, sonst wären diese Menschen längst ausgestorben.“

Petras Miene verfinstert sich. Erlenberg ergänzt: „Erst kürzlich erinnerte eine Freundin daran, unsere Großmütter hätten die Kirschen mit einer Haarnadel entkernt.“ Er zwinkert der Konzerin zu: „Die Frauen hatten die Haarnadeln praktischer Weise immer bei sich. Und bekanntlich wusch man die Haare nicht so oft wie heute.“

„Ach, das ist ja alles furchtbar ekelhaft!“, ruft Petra.

„Ich selber bin auch pingelig“, räumt Erlenberg ein. „Aber das scheint mir ein neuzeitliches Phänomen zu sein, verstärkt durch Ängste vor Ansteckung. Ich fürchte, wenn wir zunehmend Ekel voreinander entwickeln, werden wir vereinsamen.“

„Der Herr hat Recht“, sagt die Konzerin. „Petra, versöhnen Sie sich mit Ihrer Schwester, äh, verschwistern sie sich wieder!“