Auf ein Butterbrot

Ich sei der einzige Mensch, den sie kennt, der sich zu den Mahlzeiten richtige Stullen schmiert, meint die Schwäbin. Wie das? Hat sich unbemerkt hinter meinem Rücken die kulinarische Welt verschoben? Eben mein Wissen zusammengeklaubt: Das zugeklappte Butterbrot, die Klappstulle war bei Bergleuten gebräuchlich. Treusorgende Mütter und Ehefrauen klappten die Brote, um den Belag vor Kohlenstaub zu schützen. Da ich seit Jahren nicht mehr einfahre, es eigentlich nie getan habe, fehlt mir die Berechtigung für die Klappstulle. Aber auch, wenn ein Butterbrot transportiert werden muss, sind Klappstullen üblich. Am Abend wieder mit nach Hause gebracht Klappstullen, heißen Hasenbutterbrot.
In meiner ripuarischen Heimat heißt die Klappstulle Butterbrot, ripuarisch: Botteramm. Mein Onkel Josef hatte die Druckerei seines verstorbenen Schwiegervaters übernommen, weil dessen Sohn noch in der Ausbildung zum Drucker war, als der Alte verstarb. Dieser junge Mann hatte im Leben noch kein Wort Hochdeutsch gesprochen. Von ihm sind die Worte überliefert: „Mamm, schmier mich ens en Botteramm!“ Ich fand das in zweierlei Hinsicht derb, erstens die Mutter selbstverständlich wie eine Dienstbotin zu behandeln, zweitens das Wort „Botteramm.“ Ein noch derberes Wort für Butterbrot ist „Bröck“, plural „Brögge.“
Die Mutter meiner Kinder gestand, sie habe als Kind nicht gegessene Butterbrote zu Hause im Klavier versteckt. Schulbrote sind gemeinhin ebenfalls Klappstullen. Als Lehrer sah ich manches Schulbrot im Abfall. Der natürliche Feind der Schulbrote ist der Hausmeister. „Kauf dir lieber bei mir eine leckere Schaumwaffel!“
Stullen sind Ausdruck des Wohlstands. Während die Klappstulle nur einmal belegt ist, sich also Brot zum Belag 2:1 verhält, ist das bei der Stulle anders, nämlich 1:1. Ein Running Gag in der Krimiserie „Der junge Inspektor Morse“: Wenn Kommissar Thursday die von zu Hause mitgebrachte Klappstulle auspackt und sich fragt, was wohl darauf ist, verrät ihm der junge Morse vorab, womit die Stulle belegt ist, weil Thursdays Ehefrau Win zwar die Woche über den Belag variert, jedoch stets die gleiche Reihenfolge beibehält. (Beispiel: Dienstags Frühstücksfleisch) In unserem Dorf hielt sich hartnäckig die Sage, die Bauern, wenn sie in Köln unterwegs waren und etwas essen wollten, würden ein halbes Hähnchen bestellen, weil sie dächten, das könnte man mit den Fingern essen. Vermutlich ist aber der Halve Hahn gemeint, eine Brötchenhälfte mit zwei Scheiben mittelaltem Gouda belegt.
Die feinere Form des Butterbrots ist das Schnittchen, wobei die Brotscheibe in mundgerechte Stücke geschnitten ist. Schnittchen gab es zu feierlichen Anlässen. Eventuell geht die Bezeichnung zurück auf den Belag, auch Aufschnitt genannt. Wer gerne rückständig wirken mag, lädt mit den Worten ein: „Es gibt auch Schnittchen!“ In der gehobenen Küche heißen Schnittchen „Kanapees“ oder „Canapés“, sind kleiner als Schnittchen und können daher reichhaltiger und in größeren Variationen belegt werden.

„Mamm, schmier mich ens en Botteramm!“ Gif-Animation JvdL