Herr Erlenberg muss reisen – Petra und die aus Konz

Erlenberg hatte ein Onlineticket gebucht und versehentlich einen Fensterplatz am Vierertisch reserviert. Er ruckelt sich auf den Fensterplatz, lehnt sich erleichtert zurück und hat jetzt Muße, seine Mitreisenden von gegenüber zu betrachten, zwei ältere Damen, von denen eine Petra heißt, wie er ihren Reden entnimmt, denn sie zitiert gerne Aussagen aus ihrem Umfeld, die allesamt mit „Petra“ beginnen. „Petra, das musst du gesehen haben.“ Beide sind Beamtenwitwen. Die ihm gegenüber sitzt, ist eine etwa 60-jährige Frau mit kräftigen Gesichtszügen. Die Dame will in Koblenz umsteigen, um die Mosel hoch zu fahren nach Konz bei Trier.

Sie sucht auf ihrem Smartphone das Foto ihrer halbwüchsigen Enkelin, zeigt es ihrer Nachbarin und schwärmt, ihre Enkelin wie deren Freund, beide hätten ihr Abitur mit 1,0 abgelegt.
„Solche Leute sind mir nicht geheuer“, sagt Petra. Sie berichtet von ihrer „tollen Wandertruppe“, hervorgegangen aus Tennisfreunden des verstorbenen Mannes. Auf gemeinsamen Wanderungen sei die launige Truppe fortwährend von Petras Hund Henry umkreist worden, denn der sei ein Australian Shepherd, also ein 1a Hütehund gewesen, wobei anders als bei Abiturienten die 1-er-Note bei Hütehunden nicht etwa gegen, sondern für ihren Charakter spräche.

„Nein, nein, meine Enkelin Marlene und ihr Freund haben auch einen guten Charakter“, wendet die Konzerin ein, kann aber zum Beweis nicht die kleinste Umkreisung von Wanderern vorbringen.
„Leider musste ich Henry einschläfern lassen“, erzählt Petra, den Einwand ihrer Nachbarin ignorierend. Sie langt nach ihrer Handtasche, zieht ein laminiertes Foto in DIN-A4-Größe hervor, reicht es zuerst ihrer Nachbarin und dann Erlenberg. Darauf ist sie abgebildet mit ihrem kürzlich verstorbenen Mann. Henry liegt entspannt mit dem Kopf auf den Pfoten und treuherzig schauend zwischen den beiden.
„Das Foto ist entstanden eine Stunde bevor Henry die Spritze bekam“, berichtet Petra.
Wann ihr Mann die erlösende Spritze bekommen hat, bleibt unklar. Den Verlust von Henry habe sie bis heute noch nicht verschmerzt. Schmerzlich sei im gleichen Jahr auch der heftige Streit mit ihrer Schwester gewesen, der mit dem völligen Zerwürfnis endete. Es geschah in der Küche der Petra-Schwester:

4 Kommentare zu “Herr Erlenberg muss reisen – Petra und die aus Konz

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