… um Ulm herum

Als ich den Pfennig vom Ulmer Münster geworfen habe, war die Kaufkraft eines Pfennigs relativ hoch. Für zehn Pfennig konnte man einen Amerikaner mit Zitronenguss kaufen. Einen Pfennig wegzuwerfen, kommt noch heute nicht gut im Schwabenland, wo Weltunternehmen darauf gründen, dass die Gründerehefrau in der Metzgerei immer nach den billigeren Wurstenden gefragt hat. Ein fassbarer Pfennig und seine Kaufkraft sind unmittelbar einzuschätzen. Seinen Verlust schmerzt jedes sparsame Herz. Eine WhatsApp vom Kirchturm nach unten zu senden, kostet vermutlich mehr als einen Pfennig, aber der Geldverlust erschließt sich nicht unmittelbar.

Derlei Kosten sind zwar Teil unseres Lebens, doch nahezu unbegreiflich. Auszurechnen wären sie nur überschlägig: Die monatlichen Gebühren des Netzbetreibers geteilt durch die geschätzte Anzahl von WhatsApp würden nicht hinreichen. Eingerechnet werden müssten auch anteilig der Anschaffungspreis des Smartphones sowie die Stromkosten für die Akkuladung. Der analoge Mensch misst auch das Digitale mit analogen Maßstäben. Ihm geht es wie dem Kleinknecht auf einem ostpreußischen Gut, von dem ein Kollege einst berichtete:

    Auf dem Gut arbeitete ein geistig behinderter Mann als Kleinknecht. Der hatte Anspruch auf mittags eine Mahlzeit, eine „Schettel“ [Schüssel] voll. Einmal war man bei der Feldarbeit und hatte für den Knecht die Schüssel vergessen. Stattdessen schöpfte man ihm reichlich in einen Eimer. Da murrte der Kleinknecht, weil der Eimer nicht voll war, denn er hatte Anspruch auf eine volle Schettel.

Der Kleinknecht konnte die Menge des Essens nicht einschätzen, weil ihm die vertraute Schüssel als Vergleichsmaßstab fehlte. Ich habe den Verdacht, dass es uns in vielerlei Hinsicht nicht anders geht als dem Kleinknecht, dass wir nämlich die Dinge oft mit dem falschen Maß bewerten müssen und daran zwangsläufig scheitern. Nur ist es selten so offensichtlich.

Auf dem Weg nach Neu-Ulm berichtet unser Gastgeber, dass der Bürgermeister von Ulm an diesem Tag schwören muss, „Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein.“ Es ist nämlich „Schwörmontag“, ein hübscher Brauch, bei dem die Ulmer völlig aus dem Häuschen geraten und in der Julihitze zum Nabada [Hinabbaden] auf die Donau drängen, vornehmlich mit Spaß- und Mottobooten. Es geht wohl darum, ordentlich nass zu werden: „Ulmer Spatza, Wasserratza, hoi, hoi, hoi!“