Von der Verachtung der Nachfahren

Ich hoffte, es hätte in der Nacht geregnet, doch was da gleißend von den Blättern der Eiche tropfte, war nur Sonnenlicht. Wenig Regen in Sicht – bei uns die Plage der Gartenbesitzer und Landwirte, doch nicht lebensbedrohlich. Das Bild eines kleinen pakistanischen Mädchens geht mir nicht aus dem Kopf. In der vom Austrocknen bedrohten Stadt Islamabad, bei 40 Grad und mehr, holt es an einer öffentlichen Wasserstelle Wasser für seine Familie. Derweil sein blauer Kanister befüllt wird, schaut es mit großen Augen neugierig und gleichsam ängstlich besorgt in die Kamera. Warum wird es gefilmt? Will man ihm das bisschen Wasser streitig machen, von dem das Überleben der Familie abhängt?

Tatsächlich hat das Mädchen VertreterInnen der Zivilisation gesehen, die indirekt für die lebensbedrohliche Wassernot ihrer Familie, Pakistans und anderswo verantwortlich sind. Reporter und Kamerateam sind nach Pakistan geflogen, der Story wegen, die sie an Fernsehanstalten verkaufen können. Der Reporter hat in der Stadt auch gewerbliche Wasserdiebe ausfindig gemacht, und lässt sie erzählen von korrupten Beamten in der Wasserbehörde, die den Diebstahl decken.

„Selber schuld“ ist eine der Botschaften der Reportage. Doch Wasserdiebstahl ist ein Begleiteffekt des Mangels. Die Reportage zeigt auch, wie dramatisch die Gletscher des Himalayas abschmelzen. Dann gelingt es nicht mehr, sich etwas in die Tasche zu lügen. Die Klimaerwärmung ist von den hoch entwickelten Industriegesellschaften verschuldet.
Alle Nutznießer dieser Hochentwicklung, also wir, tragen die Verantwortung mit. Noch suchen wir nach Auswegen, damit wir weitermachen können wie bisher. Die Umstellung auf Elektromobilität ist einer dieser dubiosen Auswege. Niemand weiß, wo all der Strom herkommen soll, wenn ein Ende der Verbrennermotoren gekommen ist und alle stattdessen mit E-Autos fahren wollen. „Von der Sonne, natürlich!“, rufen jene, die sich nicht ändern wollen. Erneuerbare Energie aus der ewigen Sonne. Natürlich wird die Sonne nicht ewig andauern, doch lange genug, um den Planeten unbewohnbar zu machen.

Im von der Sonne ausgedörrten Land Pakistan ist zu ahnen, dass die menschliche Art sich in den Untergrund wird zurückziehen müssen. Das Mädchen wird als alte Frau noch erleben, dass ihre Enkel das Tageslicht zu scheuen gelernt haben und gleich Schaben in den Felsritzen der Welt hausen werden. Im Inneren der Erde wird genug Wasser sein, bis die Gattung Mensch sich dem Leben im Untergrund angepasst hat. Es werden Albinos sein, mit riesigen Augen. Sie werden voller Verachtung an uns denken. Sind noch gar nicht geboren und verachten uns schon.

7 Kommentare zu “Von der Verachtung der Nachfahren

      • Ungern aber oftmals, denn man kommt nicht drumherum … leider lassen die vielen schlechten Nachrichten der Umweltverschmutzung und die noch schlechteren Nachrichten über vergebliches Handeln dagegen meine Stimmung im Keller versinken. Dystopie verdrängt Utopie. Inwiefern ein kleines Handeln einen Umschwung im großen Ganzen der kapitalistischen Welt herbeiführen könnte, bleibt abzuwarten. Ich tu mein Bestes und wohl auch mein Schlechtestes.
        Spannend schön fand ich im letzten Absatz die Idee für eine Science-Fiction-Geschichte. Spannend schön, gruselig düster und tieftraurig deprimierend.

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  1. Wenn es um den Klimawandel geht, setzt leider bei vielen kindlicher Verweigerungsreflex ein. Statt sich an die eigene Nase zu fassen, wird man zur beleidigten Leberwurst und behauptet, dass man ohnehin nix ändern kann, weil der Chinese, der Afrikaner… Hoffentlich werden die Albino-Menschverachter klüger sein als wir.

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    • Vermutlich ist die Sache einfach zu groß für menschliche Vorstellungskraft. Das Abwiegeln ist ein Effekt des Beharrungsvernögens. Ob es überhaupt anders geht, ob andere Arten klüger sein können? Freilich ist der Mensch lernfähig. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen niemand an Umweltschutz gedacht hat.

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