Wenn Sie ein Konzert besuchen – denken Sie an mich

Manchmal höre ich aus der Wohnung über mir ein Waldhorn. Es wird durchaus gekonnt geblasen, aber eine richtige Melodie ist nicht zu erkennen. Ich glaube, mein neuer Obernachbar ist Waldhornbläser in einem Orchester ohne festes Haus und demgemäß viel auf Reisen, denn seine Übungen im Tuten und Blasen dringen ja nur manchmal an mein Ohr. Es trifft mich also immer unvorbereitet und daher gelingt es mir nicht, mich gegen diese unerwünschten Töne zu wappnen, also etwa aushäusig zu sein, wenn der Waldhornbläser seine Übungen bläst. Gesehen habe ich ihn noch nie, daher könnte mein Obernachbar auch eine Waldhornbläserin sein.

Wenn das Waldhorn blasende Mensch mit seinem Orchester vor einem lauschenden Auditorium von Musikliebhabern auftritt, dann mag der Hörgenuss vollkommen sein. Doch ich bekomme nur die akustische Schattenseite ab, nur das Üben irgendwelcher Tonfolgen. Es wäre deshalb eine schöne Geste, wenn der Dirigent vor jedem Konzert sich ans Publikum wenden würde mit etwa folgenden Worten:

    „Meine Damen und Herren, bevor wir Ihnen einen musikalischen Hochgenuss bereiten, für den Sie mit Recht eine Eintrittskarte gelöst haben, wollen wir in einer Schweigeminute all jener gedenken, die meine Orchestermitglieder beim häuslichen Üben ertragen müssen. Denn nur der Duldsamkeit dieser Menschen ist es zu verdanken, dass wir Ihnen Musik in höchster Perfektion zu bieten im Stande sind.“

Das würde mich besänftigen. Von einer solchen Ansprache wurde mir aber noch nie berichtet. Eines Tages werde ich vielleicht die Treppe hinaufgehen, klingeln, und wenn der Waldhornbläser öffnet, werde ich ihm wortlos einen Kinnhaken verpassen, der sich gewaschen hat. Falls aber die Tür von einer Waldhornbläserin geöffnet wird, werde ich still verzweifeln, mich entschuldigen und sagen, ich hätte mich in der Tür vertan.

6 Kommentare zu “Wenn Sie ein Konzert besuchen – denken Sie an mich

  1. Liebe Jules, ich fühle mit dir. Einer meiner Neffen lernte Trompete und als Tante musste ich mir die Übungen anhören. Und lächeln – es waren ja Übungen und man sollte sich freuen, dass geübt wird. Ich kann dir nicht sagen wie froh ich war, als er aufgab. Am Ende klang es sehr gut. Er konnte etwas. Nur ich, ich hasse Trompeten. Und trompetende Anfänger…hasse ich nicht, will aber weglaufen.

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    • Das beschriebene Verhalten ehrt dich, liebe Mitz, wenn du zusätzlich zu Übungen auch noch Trompeten hasst und trotzdem teilnehmend zugehört hast. Erst kürzlich unterhielt ich mich über die fälschlich sogenannte Bachtrompete (Piccolotrompete). Sie taucht meines Wissens erstmals in der Popmusik bei „Penny Lane“ der Beatles auf. In Übungssequenzen wäre sie sicher auch nervig.

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  2. waldhörner und trompeten sind natürlich schlimme dinge. da ist mein klarinettisten-nachbar , der freilich täglich mehrere stunden übt, besser zu ertragen. und obwohl er profi ist, spürte ich – namentlich in den zeiten des home-office – eine latente aggression in mir aufsteigen, wenn ich im laufe eines vormittags ca. 20x heintjes „MAMA!“ zu hören bekam. keine ahnung, was er nun gerade daran gefunden hat. dann doch lieber das „ave maria“. und, ja, auch profis üben noch tonleitern. wenns mir zu viel war, sang ich lautstark mit, fürchte aber, dass er das nicht mitbekam, weil er zunehmend schwerhörig wird. und nein, ein schwerhöriger musiker ist kein widerspruch. mit jenseits der 80 darf man das.

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