Frau Boes und ich

Man soll nicht denken, dass Recycling eine neue Erfindung wäre. In meiner Kindheit zog ein sogenannter Lunpensammler mit seinem Karren durch unsere Dorfstraßen, läutete eine schwere Handglocke und rief in gebührenden Abständen: „Lumpen, Eisen, Papier!“ Die Leute kamen aus den Häusern und brachten ihm das Gewünschte. Weil sich in meinem Kopf die Namen unzähliger Leute aus Presse, Film und Fernsehen breitmachen, fürchte ich, mein Gehirn führt ein Eigenleben als Lumpensammler. Ich läute freilich keine Handglocke, muss das gar nicht, denn es gibt genug mediale Distributionskanäle, aus denen Unerwünschtes auf die Pfade meiner Wahrnehmung pladdert.

Die übelste Schleuder ist das Fernsehgerät mit seinem Krakenarm, der Fernbedienung. Diese Extremität verleitet zum zappenden Suchen nach lohnender geistiger Nahrung. Müsste man für jeden Programmwechsel eigens aufstehen, um einen Knopf am TV-Gerät zu betätigen, täte man etwas für die körperliche Fitness, besonders aber für die Psychohygiene. Beim faulen Zappen muss mir also irgendwann ungefiltert der Name Mirja Boes ins Hirn geschwappt sein. Ich habe sogar, ohne es zu wollen, ihr Gesicht abgespeichert, so dass ich letztens von ihr träumen konnte.

Damit hier keine falschen Vorstellungen von träumerischer Verehrung aufkommen: Mirja Boes spielte in meinem Traum nur mit. Ich träumte von einer Spielshow auf einem privaten Kanal. Fünf Kandidatinnen standen im Kreis, allesamt mit dem Gesicht von Mirja Boes. Der Moderator wurde als ihr Ehemann angekündigt. Er sah ebenfalls aus wie Mirja Boes und war tot. Weder das eine noch das andere ist ungewöhnlich. Allenthalben lässt sich die Verdopplung von Personen beobachten, beispielsweise der omnipräsenten Frau Barbara Schöneberger. Das geht natürlich nur bei zweidimensionalen Flachwesen, die auf Bildschirmen herumgeistern oder auf Titelblättern erstarrt sind.

Daran, dass Tote in Film, Funk und Fernsehen medial wiederauferstehen, sind wir längst gewöhnt. Als am 10. Oktober 2010 der US-amerikanische Soul- und Rhythm-and-Blues-Sänger Solomon Burke nach oder bei der Landung auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol an einem Herzanfall verstarb, meldete der flämische Musiksender Studio Brussel den tragischen Todesfall zeitnah und sendete anschließend den von Solomon Burke komponierten und gesungenen Titel „Everybody Needs Somebody to Love. Das wirkte, als hätte man Burke kurzerhand wieder auf die Füße gestellt und ihn trotz letaler Unpässlichkeit gezwungen zu singen.

Weil die Medien über gottgleiche Fähigkeiten verfügen, weil sie über den Tod hinaus jeden noch einmal auf die Bühne zerren können sooft sie wollen, wunderte ich mich kaum, dass in meinem Traum ein Toter die Spielshow moderierte. Die Technik wird voranschreiten. Erst letztens berichteten Medien von einer neuen App, die es erlaube, sich mit der Stimme der verstorbenen Großmutter etwas vorlesen zu lassen. Ich hoffe, man wird die Großmutter nicht ausbuddeln müssen, um ihren Rachenraum zu vermessen, sondern die neue App greift auf vorhandene Tondateien zu. Im nächsten Schritt werden die Avatare von Toten eben auch Spielshows moderieren, nicht nur in meinen Alpträumen.

Weil ich Mr. Burkes Totenruhe nicht stören wollte, singen hier die Bluthbrothers seinen Hit:

9 Kommentare zu “Frau Boes und ich

  1. Jetzt im Sommer finde ich es weitaus interessanter, die Abende auf dem Balkon zu verbringen, zu lesen und Leute zu beobachten, als durch die TV-Programme zu zappen und mich dabei permanent über die vorherrschende Einfalt und Einfältigkeit statt der durchaus möglichen Vielfalt zu ärgern.

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  2. War die Erwähnung von Frau Barbara SCHÖ. in Deinem sonst eher ruhigen Blog wirklich nötig? Die war doch erst gestern eine ganze Samstagabendschow wieder laut am schnattern. Und jetzt, keine 24 Stunden später, stosse ich schon wieder auf sie. Trotzdem, schönen Restsonntag Dir noch. TSCHÖ, äh, Ciao!

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  3. Man findet überaus sättigende geistige Nahrung auch (oder gerade) jenseits des Fernsehgerätes, der Tageszeitungen oder anderer letztlich allenfalls ablenkenden Zeiträuber.

    Wie haben sich die Menschen vor uns in den vergangenen zweitausend Jahren nur geistig ernährt?

    Mein Grossvater hatte bereits Ende der 1950er Jahre eine Fernbedienung für sein Fernsehgerät. Ein Kabel verband Impulsgeber und -empfänger. Und das Beste daran für mich als Kind und fast einem Wunder gleich: bei Veränderung der Lautstärke dreht sich der Knopf am Gerät, ebenso wurden die Tasten wie von Zauberhand gedrückt.

    Schöne Grüsse
    Robert

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