Wie einer lernte, das Telefon zu hassen (4)

Weil es hieß: ‚Im Lehrbetrieb bleibt man immer der Lehrling‘, kündigte ich und wechselte zu einer Druckerei Ernst in Köln. Wenn Frau und Herr Ernst zu Tisch waren, versah Herr Meisel den Telefondienst. Herr Meisel hatte als Leiter der Buchbinderei ein Rudel ungelernter Buchbinderinnen unter sich, haltlose, wüste Frauen, vor denen ich Angst hatte. Wer denkt, es gäbe im Miteinander der Geschlechter nichts Schlimmeres als das Verhalten von Bauarbeitern, wenn sie den Frauen hinterherpfeifen und Obszönitäten rufen, der hat noch keine notgeilen Buchbinderinnen gehört. Weil ich damals die Haare schulterlang trug, war ich gewöhnt, dass Bauarbeiter mir hinterherpfiffen oder ,Hallo Fräulein!‘ riefen.

Das war nichts gegen die Anzüglichkeiten, die mir um die Ohren flogen, wenn ich die Buchbinderei durchquerte. Das Unglück wollte es, dass Herr Meisel dreimal Telefondienst versah, als Anrufe für mich hereinkamen. Sie waren allesamt harmlos. Einmal rief meine gleichaltrige Cousine Marly an. Sie organisierte unseren Partykeller. Der Getränkehändler vermisse einen leeren Kasten Bier, für die er uns kein Pfand abgenommen hatte. Ob ich wüsste, wo der Kasten abgeblieben war. Einmal war es Annettchen, die Schwester meines Freundes Pierro, von der ich mir eine Schallplatte ausgeliehen hatte. Sie wollte die Platte zurück. Einmal rief Sonja an. Sie hatte sich mit meinem Freund Föppes zerstritten und fragte, ob ich zwischen beiden vermitteln könne. Dass in kurzer Folge drei verschiedene Mädchen mich telefonisch zu sprechen wünschten, aus diesem Umstand schloss Herr Meisel, ich wäre ein ausgemachter Herzensbrecher.“

„Warum riefen die Mädchen dich immer in den Pausen an?“, fragte ich.

„Ganz einfach, sie hatten selbst Mittagspause in ihrem Bürojob und nutzten die Verfügbarkeit eines Telefons, um ihre Umgebung zu terrorisieren. Die wenigsten hatten ja damals ein Telefon zu Hause, außer Bärbel natürlich. Sie war das verwöhnte Töchterlein eines Apothekers. Jedenfalls freute sich Herr Meisel über meine diversen Kontakte zum weiblichen Geschlecht. Er fühlte sich wie ein Postillon d’amour und genoss es. Als ich nach dem Telefongespräch zurück durch die Buchbinderei ging, steckten Meisel und sein Hühnerhaufen gerade die Köpfe zusammen und ich hörte ihn raunen: ,Heute war’s eine Sonja.‘

Hinfort war die Durchquerung der Buchbinderei für mich ein Spießrutenlaufen. Es war übel. Der Spruch: ,Dich würde ich auch nicht von der Bettkante stoßen‘, dabei noch das Harmloseste. Eine dralle Vettel rief: ,All die Mädchen bringens wohl nicht. Wir können es dir richtig besorgen!‘ und wedelte obszön mit der langen Zunge. Ich war damals noch unschuldig. Sex war erst ab 18. Die wolllüstigen Buchbinderinnen haben mir jede Illusion geraubt, das weibliche Geschlecht wäre etwas Zartes, Reines, die Liebe zu ihm etwas Poetisches.“

„Letztlich lag es nicht am Telefon, dass du mit der rauhen Wirklichkleit konfrontiert wurdest.“

„Ja, aber die Buchbinderinnen hätten niemals so über mich herfallen können, wenn das Telefon keine Missverständnisse geschürt hätte. Daraus schließe ich, dass die Wirklichkeit durch das Telefon erst richtig rauh wurde. Verstehst du jetzt, warum ich Telefon und Telefonieren hasse? Brauchst du weitere Beispiele?“

„Nein, ich habe genug gehört, mein Freund. Aber stand dieser wunderbare Sommer 1967 für dich nur unter dem Unstern Telefon?“

„No, Sir! Anfang September, als ich den Sommer schon abgeschrieben hatte, zeigte er sich von der schönsten Seite. Auf unserem Schützenfest traf ich Mareike, ein Mädchen von der Schießbude. Ich hatte mich auf den ersten Blick in sie verliebt, ein bisschen geflirtet und sie von der Schießbude weg ins Kirmeszelt zum Tanz entführt. Die besoffenen Schützenbrüder machten große Augen. Sie hatten bei der jungen Frau ihr Geld ausgegeben, hatten immer wieder versucht, blöde Plastiknelken oder Teddybären zu schießen, nur um ihr zu imponieren, und kannten sie kaum wieder. Dass eine, die hinter der Theke der Schießbude stand und Gewehre lud, sogar Beine hatte. Und was für welche! Donnerwetter! Die Dorfschönheiten guckten neidisch, weil das Mädchen von der Schießbude in seinem duftigen Sommerkleid alle an Schönheit übertraf. Doch in der Dorfgemeinschaft gab es Gerede, denn einem Mädchen von der Schießbude macht man im besoffenen Kopf anzügliche Bemerkungen, aber man führt es nicht zum Tanz. ,Mit so einer poussiert man nicht‘, erfuhr ich beim Frisör. Es war mir egal. Einige Wochen bin ich Mareike noch von Dorfkirmes zu Dorfkirmes hinterher gereist, aber sie fuhr mit ihrer Schießbudenfamilie immer weiter, bis sie für mich unerreichbar wurde.“

„Da wäre ein Telefon segensreich gewesen.“
Wilhelm schaute mich traurig an und sagte: „Ganz müder Gag!“