Wie einer lernte, das Telefon zu hassen (2)

„Ja, ach so. Normaler Weise setzte ich die Verlobungskarten. Die Vermählungsanzeigen setzte grundsätzlich der Junior. Oft stand er am Setzkasten, einen verlorenen Blick in die Ferne gerichtet und jeder mit ein bisschen Einfühlungsvermögen wusste, dass er nicht wirklich mit Winkelhaken und Bleilettern hantierte, sondern im Geiste gigantische Hochzeitstorten schuf. “
„Aber, lieber Wilhelm, was haben diese imaginären Hochzeitstorten mit deinem Hass auf Telefone zu tun?“, unterbrach ich erneut.
„Der verhinderte Konditor lebte mir das Schweigen vor, und ich lernte, wie viel schöner es ist, sich im Geiste Hochzeitstorten auszumalen, als am Telefon zu reden.

Unsere Mittagspause ging von 12:30 bis 13 Uhr, die der Sekretärin bis 14 Uhr. Bis zu ihrer Rückkehr übernahm der Seniorchef den Telefondienst. Gewöhnlich stand er an seiner Druckmaschine, dem Original Heidelberger Tiegel. Wenn durch das Zischen, Schnauben und Stampfen seiner Maschine das Telefonklingeln im Kundenempfang zu ihm durchdrang, stellte er die Maschine ab und begab sich grollend nach vorne an den Sekretärinnenschreibtisch, um unwirsch das Gespräch anzunehmen.

Einmal hörte ich ihn belfern: ‚Was?! Den Wilhelm sprechen?!‘ und wusste, was mir blühte. Schon blaffte der Alte die Treppe hinauf zur Setzerei: ‚Wilhelm! Am Apparat!‘ Augenblicklich fiel mein Mund trocken. Als ich die Treppe hinunter hastete, spürte ich, wie meine Ohren sich erhitzten. Der Alte stand stirnrunzelnd da, streckte mir den schwarzen Telefonhörer entgegen und blieb heischend neben dem Apparat stehen, um zu hören, welche Katastrophe wohl über mich und meine arme Familie hereingebrochen war. Wenn ein Anruf ihn und mich aus der Arbeit riss, musste der Grund wirklich eine schreckliche Nachricht sein, die keinen Aufschub duldete.

Aus dem Hörer flötete ein Stimmchen:
,Ich bin’s! Ich war gerade mit dem Lackieren meiner Fußnägel fertig, habe bei jedem Nagel an dich gedacht und wurde urplötzlich von einer Welle der Liebe zu dir erfasst. Das musste ich dir unbedingt flüstern. Hast du vielleicht etwas Ähnliches gespürt, genau in dieser Minute? Sag, liebst du mich auch so, liebster Wilhelm?‘
,Ja, Bärbel‘
,Sag’s im Satz, bitte bitte!‘
,Kann nicht.‘
,Doch, du kannst!‘
,Ich liebe dich auch so.‘
,Und woran hast du gedacht, vor einer Minute?‘
,An eine Verlobungskarte‘, sagte ich wahrheitsgemäß, denn von dieser Arbeit hatte mich ihr Anruf fortgerissen.
,Verlobung?! Ach, Wilhelm, Lieber, du bist ja so süß! Bin ich wirklich auf immer die Einzige für dich?‘
,Ja.‘
,Was bist du denn so maulfaul?’“

„Das kenne ich“, warf ich ein. „Kaum glauben sie, dich sicher zu haben, geht die Krittelei los. Doch erzähle getrost weiter, mein Lieber!“ Wilhelm warf mir einen irritierten Blick zu, besann sich wieder und fuhr fort:

„Während all der Bekenntnisse, die mir Bärbel abrang, ruhte mein Blick bang auf dem Antlitz meines Chefs. Über seine Züge irrlichterte der Ausdruck absoluter Fassungslosigkeit. Noch nie war sein Telefonapparat so schändlich missbraucht worden. Was ich in sein Telefon stammelte, ließ in seinen Augen das Weiße aufscheinen und ich ahnte, dass er auf der scharfen Scheide zum Irrsinn balancierte. Wie konnte ich nur die heilige Arbeitszeit, die er aus seiner Geldkasse entlohnen musste, wie konnte ich meine Zeit und sein Geld für Liebesklimbim verplempern? Er hatte seine Maschine abstellen müssen für das hier. Für diese Unverschämtheit fehlten ihm die passenden Worte. Einstweilen begann es in ihm zu grummeln. Dann stieß er einen Schwall unartikulierter Laute hervor, aus dem die harschen Befehlsworte hervortraten: ,Du willst sofort Schluss machen!‘ Da war kein Widerspruch möglich, denn dieses ,Du willst …‘, mit dem er seine Befehle einleitete, stammte noch aus der Kaiserzeit. Ich wagte kaum, einen Abschiedsgruß zu struddeln, da riss er mir auch schon den Hörer aus der Hand und knallte ihn auf die Gabel. Wie ein geprügelter Hund stolperte ich hoch in die Setzerei. Da donnerte es hinter mir her: ‚DU WILLST DICH NIE WIEDER HIER ANRUFEN LASSEN!‘

Ich hatte das Telefongespräch abrupt beenden müssen, aber nicht Schluss gemacht. Das tat Bärbel, weil es für sie ,wirklich, wirklich schmerzlich und erniedrigend‘ gewesen sei, wie ich mich am Telefon verhalten hätte. Sie hätte mir ihr Herz geöffnet, und ich hätte grob hineingetreten. Und was das überhaupt für ein dummes Gerede von Verlobung gewesen sei. Ihr Vater würde nie erlauben, dass seine einzige Tochter sich mit einem ,Handwerker‘ verlobt.“

Zu Hause hätten sie ja in dieser Zeit kein Telefon gehabt, fuhr mein Freund fort. Aber auch dort hätten ihm die liebestrunkenen Mädchen keine Ruhe gelassen.

[Fortsetzung]