Wie einer lernte, das Telefon zu hassen

„Geh mir fort mit Sommerliebe“, rief mein Freund Wilhelm Carlsen. „Der Sommer 1967, das waren nicht nur Flower-Power, die Beatles und jugendliche Liebeleien. Der ‚Summer of Love‘ 1967 war für mich der reine Stress und der Zeitraum, in dem ich lernte, das Telefon zu hassen!“ Er glaube genau zu wissen, dass damals seine Abneigung gegen dieses teuflische Gerät der Fernkommunikation entstanden sei. Er kenne auch kein anderes Gerät, mit dem man so dreist und unvermittelt in das Leben seiner Mitmenschen einfallen könne. Schon früh, lange vor dem allgegenwärtigen Mobilfunk, sei es durch das Telefon zu einer bis dahin beispiellosen Verrohung der Sitten gekommen.

Das Gerät fördere eine Rücksichtslosigkeit, die selbst die feinfühligsten Menschen befällt. Wäre er nicht traumatisch vorbelastet, ginge es ihm genauso. Doch nie sei er mit dieser Apparatur vertraut geworden, dass er unbefangen damit umgehen könne. Wenn er nach tagelangem Zögern irgendwen anrufe, sei er immer versucht, sich für die Störung zu entschuldigen oder zumindest „Stör ich?“ zu fragen. Für ihn gebiete die Höflichkeit, das zu tun. Denn als Anrufer dränge man sich so urplötzlich in ein fremdes Leben, dass man zumindest fragen solle, ob es passt. Andere würden sich frech melden mit: „Ich bin’s!“, als wäre das schon Entschuldigung genug.

Wilhelm redete sich in Schwulitäten, wie man bei uns sagt: „Der Irrsinn hat schon im Jahr 1881 begonnen. Damals erschien in Berlin das erste Telefonbuch. Es trug den sperrigen Titel ‚Verzeichniss der bei der Fernsprecheinrichtung Betheiligten.‘ Der Volksmund nannte es ‚Buch der Narren.‘ Man glaubte, es wären nur Deppen auf diesen ‚Schwindel aus Amerika‘ hereingefallen, und hatte noch keine Vorstellung von der Seuche, die flächendeckend über die Menschheit kommen würde: das Festnetztelefon! Ein Instrument der Dreistheit, Missverständnisse und Misshelligkeiten.“

„Du verlierst den Faden, lieber Freund. Wolltest du nicht eigentlich berichten, warum du das Telefon hassen gelernt hast?“

„Ja, natürlich“, besann er sich. „Als ich ein junger Mann war, begannen sich die Mädchen für mich zu interessieren und versuchten mich zu sprechen, wenn’s eigentlich nicht angebracht war, beispielsweise während meiner Arbeit in einer Buchdruckerei. Du musst wissen, dass in meinem Lehrbetrieb Privatgespräche strengstens untersagt waren. Mit den Kollegen durfte man nur Worte wechseln, wenn das für den Arbeitsablauf nötig war. Vorbild war der Setzereileiter, von allen nur der Junior genannt. Der Junior ist ein großer Schweiger vor dem Herrn gewesen. Er war ja eigentlich Konditormeister. Aber weil sein älterer Bruder im Krieg gefallen war, hatte er umsatteln müssen, um statt seiner das Erbe der Traditionsdruckerei fortzuführen.

Wir setzten und druckten in dieser Druckerei hauptsächlich Akzidenzen, also Privatdrucksachen aller Art, Briefbögen, Visitenkarten, Trauerbriefe, Totenzettel, Kommunionbildchen, Verlobungs- und Vermählungsanzeigen.

„Ähem, Wilhelm!“

[Fortsetzung]

5 Kommentare zu “Wie einer lernte, das Telefon zu hassen

  1. Meine Eltern arbeiteten beide auf der Post, und man durfte sie ebenfalls nur im alleräussersten Notfall anrufen. Ein Sturz vom Fahrrad reichte nicht, wenn es nur ein paar Schürfungen und ein heftig schmerzendes Fussgelenk gesetzt hatte. Das Handy hat ja dann alles verändert, man wurde beim Lebensmittelkauf oder auf dem Fahrrad telefonisch kontaktiert. Jetzt habe ich einfach aufgehört damit, ich kann es auch gar nicht mehr richtig.

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Rücksichtsloses Selbsteinladen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..