Mitleid mit Hunden kommt immer gut

Eine illustre Gesellschaft hatte sich rund um die festlich eingedeckte, große Tafel versammelt. Da waren der gefeierte Fernsehstar, der Philosoph, der gerade seinen 3. Bestseller gelandet hatte, der reiche Mäzen, die nicht minder reiche Charity-Dame, Aachens stellvertretender Bürgermeister, ein Printenhersteller und Entrepreneur des Jahres 2008, die kulturbeflissene Gastgeberin und ich, der ich nichts Besonderes vorzuweisen hatte, nur der neue Klassenlehrer ihres einzigen Sohnes war. Ich fühlte mich in die Falle gelockt, denn die Gastgeberin, Frau von Hohenstein, hatte mich zu einem „einfachen Imbiss“ eingeladen und trachtete offenbar danach, mir zu imponieren.

All der Prunk sollte wohl auf ihren etwas dümmlichen Sohn überstrahlen und mein Urteil beeinflussen. Die absurde Szenerie erinnert mich an die Groteske „Das ganz einfache Butterbrot“ von Kurt Schwitters. Der Ich-Erzähler ist zu einem „einfachen Butterbrot“ eingeladen, sieht sich unerwartet in eine mondäne Gesellschaft verschlagen und behilft sich, indem er „Kuckuck!“ ruft und allerlei Clownerien anstellt.

Der Kreis der Hohenstein-Gäste kam offenbar schon länger zusammen, und es ging ihnen nicht nur um die exquisiten Speisen, die von zahlreichen Dienstboten aufgetragen wurden, sondern auch um die bereits legendären Tischgespräche. Frau von Hohenstein berichtete spöttisch, so manche Edelfeder wünsche sich dringend, die Tischgespräche aufzeichnen zu dürfen. Aber die Anfragen der großen Blätter habe sie bislang abgewiesen. Ein Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen habe argumentiert, die legendären Sentenzen des Dr. Samuel Johnson, Verfasser des Dictionary of the English Language, des bis heute wegweisenden Wörterbuchs der englischen Sprache, wären ja nur der Nachwelt erhalten, weil sein Biograf James Boswell ebenfalls am Tisch der Politikergattin Hester Thrale habe Platz nehmen dürfe. „Papperlapapp“, habe Frau von Hohenstein gesagt. Allein die Vorstellung eines Schreiberlings am Tisch, der nach Gesprächshappen gieren würde, finde sie im hohen Maße degoutant. Die Gespräche ihrer exklusiven Tischgesellschaft wolle sie keinesfalls nach außen dringen lassen. Alles würde von der Journaille nur banalisiert werden für die dumme Leserschaft. Und was die Nachwelt betraf, stand ihr Urteil fest. Das dumme Volk da draußen würde noch dümmere Nachfahren haben, weshalb sich Frau von Hohenstein nicht einen Deut für die Nachwelt interessierte.

Ich fühlte mich unwohl in diesem Kreis und schwieg, während rund um mich herum munter parliert wurde. Meine Sorge war ganz banal, ein plötzliches Verschlucken zu vermeiden. Da ich kürzlich einen Schlaganfall erlitten hatte, war Verschlucken ein zurückgebliebenes Symptom. Zu essen, trinken und zu sprechen, wie es offenbar alle beherrschten, was der beleibte Kunstmäzen sogar vollmundig tat, war mir demgemäß unmöglich. Soeben hatte mich ein plötzlicher Hustenreiz erwischt, und wie von einem Katapult geschleudert, war eine Erbse aus meinem Schlund geschossen, haarscharf an der Gastgeberin vorbei. Das peinliche Geschoss war glücklicher Weise unbeachtet geblieben, so schien es mir.

Plötzlich war die Rede von „Skaumo.“ Ich wusste nicht, was es bedeutete, als der Philosoph sagte, er finde Skaumo überbewertet und dann das Wort an mich richtete: „Was halten Sie davon, Sie schweigsamer Mensch?“ Alle Blicke richteten sich auf mich. Ich konnte gerade noch schlucken und schalt mich, dem Gespräch zuvor nicht zugehört zu haben. Was Skaumo bedeutete, war mir völlig unklar. In den 1970-er Jahren hatte ich ein dünnes Erzählbändchen von Herbert Rosendorfer besessen, in dem eine entlegene Stadt namens Skaumo vorkam. Ich erinnerte mich nur noch, dass man dort Coca-Cola herstellte und zu diesem Zweck umherstreunende Hunde einfing. Mein Kopf merkt sich halt immer nur die skurrilen Dinge. Doch schien mir unwahrscheinlich, dass das lange vergriffene Bändchen Thema des Gesprächs sein sollte. Ich war versucht: „Kuckuck!“, zu rufen, um dem peinlichen Erwartungsdruck zu entkommen. Dann kam mir der erlösende Einfall. Um als geistreich zu gelten, muss man nichts Geistreiches sagen. Es reicht etwas Rätselhaftes, und so sagte ich einen Satz, den ich hiermit zum allgemeinen Gebrauch in kommunikativen Notsituationen freigebe: „Völlig Ihrer Meinung, mein Herr, und außerdem geht mir das elende Schicksal südeuropäischer Straßenhunde ans Herz.“