Was falsch machen

Es galt bislang für mich ausgemacht, dass magische Erscheinungen und Fügungen nicht wirklich übersinnlichen Ursprungs sind, weil genau dieser Ursprung eine verborgene Welt zu unseren Köpfen voraussetzt – wie etwa in den Mythologien der verschiedenen Völker ein Ort der Götter angenommen wird, wo das irdische Geschehen quasi verhandelt wird. Die Annahme eines Olymps, Wahalls oder Himmels, in dem die Götter durchaus menschlichen Geschäften nachgehen, wirft ja die Frage auf, warum da Schluss sein sollte, warum nicht über dieser Welt der Götter eine weitere Welt existieren sollte, quasi ein Metahimmel mit Metagöttern und so weiter – immer höher hinauf, Götterwelten gestapelt wie Teetassen, wobei jede Teetasse im Stapel besser und schöner ist als die jeweils untere. Eine Welt der Magie ohne Götter, etwa in der Vorstellung von Atheisten, würfe die gleiche Frage auf. Deshalb glaubte ich bislang nicht an magische Phänomene.

Seit vorgestern nun, das muss hier gestanden werden, mache ich einiges falsch. Beispielsweise drängte es mich, mal wieder bei Lidl einzukaufen, was höheren Orts vielleicht schon als Fehler gilt. An der einzig offenen Kasse saß der vierschrötige Mann, seiner Rede nach aus Osteuropa, mit dem mich eine stille Abneigung verbindet. Sie äußerte sich vor Jahren schon, als er meinen Gruß nicht oder nur maulfaul erwiderte. Man kennt solche oberflächlich unbegründete Abneigung, wie es ja auch das Gegenteil gibt, nämlich anlasslose Zuneigung.

Mit gewissem Widerwillen stellte ich mich an der Kasse an, lud meinen Einkauf aufs Band, auch ein Glas Arrabbiata-Tomatensoße. Da die Frau vor mir nur zögerlich vortrat, konnte ich das Kassenband nur mit gerecktem Arm beladen, legte das Glas Tomatensoße an den Rand, von wo es mit Vorrücken des Förderbands zur Seite rollte und hinunterfiel. Es stürzte zu Boden, zerbarst, und die Tomatensoße spritzte sogar an die Wand des angrenzenden Regals, verschonte aber meinen Schuh.

Mein insgeheimer Feind sah das Unglück und rief nach einer Kollegin, weil er die Kasse schließen und sauber machen müsse. Nun frage ich mich, ob es in mir eine geheime übergeordnete Instanz gibt, in der entschieden wurde, dem Mann an der Kasse durch ungeschicktes Verhalten zu schaden und ihn somit abzustrafen. Es bedarf sicher keiner weiteren Beispiele, um die Frage nach einer solchen Instanz zu illustrieren. Wenn es also Magie gäbe, wäre sie im Menschen selbst zu suchen, nämlich in dem, das landläufig das Unbewusste heißt.

Derzeit bin ich sehr beschäftigt, Fehler und Unfälle zu vermeiden, weil das Magische in mir derlei herbeizuführen trachtet. Ich werfe am Frühstückstisch volle Kaffeetassen um, kippe mein Abendessen auf die offene Klappe des Backofens und dergleichen. Abends falle ich erschöpft ins Bett und schlafe ungewöhnlich lang. Im Sinne des Spruchs: „Benannt, gebannt“ hoffe ich, mein Unbewusstes mit diesem Text zur Räson gebracht zu haben. Man möge mir die Daumen drücken.