Simonskall – ein Fahrtbericht

Simonskall lag wie im Mittagsschlaf. Wir hielten und setzten uns vor ein Café auf die Sonnenterrasse unter einen der Sonnenschirme. Ein einsamer Kellner, Inder oder Pakistani, knibbelte versonnen an seiner Nase, dann nahm er unsere Bestellung entgegen. Simonskall hat Liebreiz. Ich hätte dort, den steil aufragenden Südhang des Kalltals vor Augen, noch lange sitzen mögen. Einige Meter seitwärts war ein Springbrunnen. Große Brocken Naturstein, wie absichtslos aufgetürmt, lagen inmitten eines Beckens und wurden von oben begossen, so dass das Wasser an allen Seiten herablief. Es kam aus dem Maul einer stilisierten Schlange, die sich über die Steinbrocken hinaus erhob.

Während wir still dort saßen und unsere Cola süffelten, wurde es plötzlich laut am Becken. Ein junges Paar kühlte sich darin ab. Sie waren mit Mountain-Bikes gekommen und trugen beide nur Badesachen, sie eine dralle rothaarige Belgierin, er ein Draht. Sie lärmten ziemlich, und er spritzte sie reichlich nass. Da wurde der Kellner unruhig und bewegte sich auf den Springbrunnen zu. Jetzt hatten die zwei genug, sprangen auf ihre Räder und fuhren weg. Ich sah noch die Spannung in ihrem schönen kräftigen Rücken, wie sie sich in die Pedale stemmte. Warum der Kellner nervös geworden war, verstand ich, als ich meine Arme ins Becken tauchte, bevor wir weiterfuhren. Es waren Fische im Becken, Goldfische und Forellen, große schwarze Viecher und wenige Schritte weiter war noch ein langes, rechteckiges Bassin, darin ein großer Forellenschwarm, offenbar für eine Spezialität des Restaurants.

Der Weg aus dem tief eingeschnittenen Kalltal wurde bald schlechter. Hinter der Mestrenger Mühle bogen wir falsch ab und gerieten in ein südöstlich verlaufendes Seitental, worin der Weg so steil bergan führte, dass wir vom Rad absteigen und schieben mussten. So steil war der Anstieg, dass wir mit unseren glatten Radsportschuhen kaum Halt fanden. Wolf, mein Begleiter flippte bald aus, vielleicht auch wegen der Hitze, denn es gab keinen Schatten, und die Sonne knallte ungehemmt ins Tal. Er war etwas zurückgeblieben und rief mir von unterhalb zu: „Ich kann hier nicht gehen!“
„Wieso denn nicht?“
„Meine Sohlen rutschen!“
Das rief er in diesem ungnädigen, vorwurfsvollen Ton, als hätte ich persönlich seine Sohlen mit rutschenden Sohlen beschlagen oder das Tal aus purer Gemeinheit gewählt.
„Meine Sohlen rutschen auch!“, rief ich zurück und stapfte weiter.
„Nein, du hast Gummisohlen“, quengelte er.
„Ich habe Plastiksohlen wie du“, sagte ich und hob einen Fuß, damit er drunter sehen konnte. Mir ist peinlich, wenn sich mein Freund und Trainingspartner so mimosenhaft anstellt und tut, als hätte er allein unerträgliche Bedingungen und Schwierigkeiten zu bewältigen, die andere durch die Gnade der Geburt nie ankommen. Dann rutschte ich aus, kam fast zu Fall, und er rief: „Also gut, ich glaube, dass deine Sohlen auch rutschen!“, als hätte ich mich absichtlich beinah hingelegt, nur um ihm die Glätte meiner Sohlen zu demonstrieren. Zweimal versuchte ich aufs Rad zu kommen, fuhr ein Stück bergab, um auf den 21-er zu schalten, aber sobald ich bergan lenkte, krachte die Kette, dass ich Angst hatte, sie könnte reißen.

Oben sah ich Wolf noch gar nicht kommen. Der Weg kam zwischen Getreidefeldern aus, und etwa 100 Meter weiter begann ein Dorf. Ich rollte hin und las das Ortsschild „Bergstein.“ Als Wolf kam, fuhren wir in den Ort, der zunächst menschenleer schien. Dann aber trat eine Frau aus einem Haus an den haltenden Lieferwagen eines Bäckers. Ich fragte: „Wo geht’s nach Hürtgenwald?“, und sie sagte: „Die Hauptstraße lang, dann rechts. Aber hier ist auch Hürtgenwald!“ Dann fanden wir uns in welligem Gelände, die Nideggener Straße entlang. Sie führte uns endlich nach Kleinhau/Großhau. Ab Birger mussten wir gegen den Wind fahren, und das zehrte ziemlich an meinen Kräften. Zwar kaufte ich in Langerwehe an einer schmuddeligen Imbissbude noch eine Cola, aber die hielt nicht lange vor. Hunger und Durst, Durst, Durst. Zu Hause hatte ich auf den 114 Kilometern unserer Ausfahrt dreieinhalb Kilo Gewicht verloren.

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