Männer, die mit Schachteln winken

Vor mir auf dem besonnten Gehweg geht ein kleiner älterer Mann. In der Linken trägt er eine flache Kartonage. Plötzlich glaubt er, in der Straßeneinmündung einen Bekannten gesehen zu haben. Er winkt dem vorbeirollenden Radfahrer mit der Schachtel zu. Der reagiert nicht, denkt wohl: Männer, die mit Schachteln winken, kenne ich nicht. Man ignoriert sie am besten. Vielleicht war das Winken mit der Schachtel sowieso ein Versehen wie damals, als ich meinem Hausarzt mit einem Strumpf gewinkt habe. Es heißt übrigens standardmäßig „ich winke, ich winkte, ich habe gewinkt. „Gewunken“ ist eine irrtümliche Analogiebildung. Es heißt zwar „sinken, sank, gesunken“ doch nicht „winken, wank, gewunken.“

Eine junge Frau im Sportdress reckt im Gehen beide Arme gen Himmel als würde sie für kommende sportliche Aktivitäten den Beistand der Götter herabwünschen. Machen die sowas? Stehen die Götter den Flehenden bei? Eher nicht, und zwar deshalb:

    Einem Bauern im alten Griechenland ist die einzige Hacke in den Fluss gefallen. Er beklagt es lauthals, will nicht aufhören mit seinem Jammer. Irgendwann geht er den Göttern so auf die Nerven, dass sie ihm eine goldene Hacke zuwerfen, um endlich Ruhe zu haben. Darob werfen auch andere Bauern ihre Hacken in den Fluss. Das Jammern will kein Ende nehmen, und die Götter schwören einander, niemals mehr zu reagieren, wenn Menschen ihre Hände flehend gen Himmel strecken.

Auf dem Grau des Gehwegs viele dunkle Flatschen, offenbar festgetretene Kaugummis, einst achtlos in die Botanik gespuckt. Macht man’s noch? Oder ist der Umweltgedanke auch in die dümmsten Gehirne gesickert. Sollte es in Zehntausend Jahren noch Archäologen geben und sollten sie asphaltierte Gehwege aus zehn Metern Tiefe (alle tausend Jahre sinkt eine Stadt um einen Meter) freilegen, werden sie sich vielleicht wundern über diese platt getretenen Gummiflecken. In einer Million Jahren, wird der Despot einer unterirdisch lebenden fernen Spezies, den und die ich lieber nicht kennen wollte, vielleicht seine Zwangsherrschaft darauf gründen, dass ihm lange Gehwege voller Kaugummiflatschen gehören, woraus sich ein seltenes Mineral gewinnen lässt, mit dem er alle Weiber gefügig machen kann. Sollte sich jetzt eine(r) aufregen wegen „Weiber“ und „gefügig“, wende ich ein, dass uns geschlechtsspezifische Diskriminierung bei dieser ekelhaften Spezies doch egal sein kann.

„Alte Kaugimmiflatschen“ – wie eklig ist das denn. Ich habe als Kind mal versehentlich einen Stuhl an der Sitzfläche umfasst, um ihn vorzurücken, und fühlte in einen alten Kaugummi. Dabei schüttelt’s mich heute noch. Eine mutige Regierung würde von Kaugummiproduzenten übrigens die Reinigung der Gehwege verlangen. Und die sollen auch unter Stühlen saubermachen! Verursacherprinzip. Schließlich hat man mit dem Verkauf der Kaumasse gute Geschäfte gemacht. Mit dieser Maßnahme ließe sich auch die ekelhafte nichtmenschliche Spezies verhindern, die sich an unseren unerfreulichen Hinterlassenschaften aufgeilt.