Echt jetzt, REWE?

„Ich habe mir den Quatsch nicht ausgedacht“, sagt der Mann am Postschalter, wo ich vergeblich versucht hatte, ein Buch in die Schweiz zu versenden. „Keine Briefsendung möglich!“ Ich müsse den Umschlag in ein Paket packen, eine Zollerklärung ausfüllen und dann werde das ganze etwa 15 Euro kosten. Ich greife mir aus dem Ständer die kleinste Kartonage. „Die ist zu klein!“, sagt er. Also nehme ich ein Riesenteil und verziehe mich zu einem Stehpult. Aber ach, ich habe keine Lesebrille, um den verflixten Zollerklärungsvordruck zu lesen. Ich muss es also zu Hause erledigen. Inzwischen hat sich in der Post eine Schlange gebildet, und ich müsste mich anstellen, um die Kartonage zu bezahlen. Draußen kündigt sich ein Gewitter an. Plötzlich drückende Schwüle. Ich kriege Hitzewallungen. Schnell nach Hause, bevor der Himmel birst. Unterwegs fluchen: 15 Euro für ein Buch zu 9.99 Euro? Jetzt bin ich auch noch schuldlos zum Kartonagendieb geworden. Brauch‘ den Karton sowieso nicht. Ich bring’s selber hin – ohne scheiß Karton. Und die Zollerklärung spare ich mir auch. Wo ist die Schweiz noch mal?

Im Sanitätshaus spinnt die Computerkasse. Gut zehn Minuten versuchen zwei Angestellte, zwei paar Reisestrümpfe zu kassieren, scannen immer wieder den Code, geben ihn dann mehrmals manuell ein, ich erwäge, mir derweil nebenan die Nägel machen zu lassen, aber will die Damen nicht noch mehr unter Druck setzen. Sie entschuldigen sich mehrmals, das System sei neu und habe noch Tücken. Ich beschwichtige: „Mit Computer geht alles schneller, dauert nur länger.“ Die Damen lachen erleichtert auf. Und ich merke mir, der Spruch ist auch nach 50 Jahren EDV noch gut.

40 Zentimeter lang ist der Kassenzettel von REWE. Er weist aus, was ich gekauft habe und zahlen musste. Das sollte reichen, tuts aber nicht. Da steht noch allerlei redundantes Zeug. Auch blöde Chiffren sind aufgedruckt. Die Sinnentleerung der Schrift! Der Zettel trägt die Bon-Nummer 9890. Um 15:52 Uhr bin ich da gewesen, dann ist wohl davon auszugehen, dass ich in den neun Stunden von 7:00 Uhr morgens an der beinah tausendste Kunde des Tages gewesen bin. 0,40 Meter x 9890 = 3956 Meter Kassenbon. Bei Geschäftsschluss um 24 Uhr und insgesamt 17 Stunden Öffnungszeit ergibt das 3856/9×17=7472 Meter Kassenbon pro Tag x 26 Geschäftstage 194283 Meter = 194 Kilometer Kassenbon im Monat, das sind im Jahr 2331,402 Kilometer. In nur 17 Jahren reicht der REWE-Bon um den ganzen Erdball. Es gibt etwa 3600 REWE-Spupermärkte in Deutschland. Macht bei acht Zentimetern Breite … Hallo REWE! Derlei Irrsinn muss aufhören.

Die Hannoveraner sind höflich, aber man kann es ihnen nicht recht machen. Du bist eingeladen, bedankst dich geflissentlich, und was kriegst du zu hören? „Da nich für!“ Sofort hast du ein schlechtes Gewissen. Hätte man sich am Ende für etwas anderes bedanken müssen, für eine riesige, weltbewegende Sache, die einem zuteil wurde, aber man hat’s nicht gemerkt, ist einfach zu blöd? Nachdem ich nun 12 Jahre in Hannover lebe, habe ich mich an „Da nich für!“ gewöhnt. Woanders sagt man: „Nichts zu danken“, und jeder weiß, was gemeint ist. „Da nich für“ dagegen ist wie ein Stoß vor den Kopf, bedeutet aber so gut wie nichts. Ich weiß, woher diese Unsitte stammt. Hier meine Erklärungssage:

    Auf dem Bahnhofplatz Hannovers steht das Reiterstandbild von König Ernst August I. Wenn sich Hannoveraner verabreden, dann am liebsten „Unter dem Schwanz“ seines Pferdes. Offenbar gefällt ihnen die Vorstellung, sich vom königlichen Ross bekötteln zu lassen. Als Ernst August noch lebte, hat man die dampfenden Köttel nämlich gesammelt, um sich im kalten Winter die Hände darüber zu wärmen. Wenn der König durch die Stadt ritt und sein Pferd kötteln ließ, dann jubelten seine Untertanen: „Gott schütze den König!“ Und Ernst August antwortete generös: „Ach, da nich für!“

7 Kommentare zu “Echt jetzt, REWE?

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