Fibonacci – (1) Plagdiere

Ihr Gesicht verdunkelte den Himmel.
„Darüber weiß ich nicht das Geringste“, sagte ich und hoffte, sie würde bald weggehen.
„Wovon wissen Sie nicht das Geringste?“, fragte die Frau.
„Weshalb die Kaninchen in Brand gesteckt wurden.“
„Welche Kaninchen?“
„Das weiß ich nicht. Der Mann im Radio hat flämisch gesprochen.“
Sie legte ihre Hand beruhigend auf meine Stirn und beschattete ein wenig meine Augen. „Machen Sie sich keine Gedanken“, sagte sie nah bei meinem Ohr. „Sie haben den Mann gewiss falsch verstanden. Nicht ein Kaninchen ist verbrannt worden.“

„Doch! Er hat gesagt, sie gälten in Deutschland als Plagdiere, und deshalb würde der Überschuss abgefackelt. Da habe ich gleich gedacht, warum das denn? Wie viele Kaninchen umfasst der Überschuss? Ab wann werden Kaninchen zur Plage, so dass man von einem Überschuss reden kann? Reichen 34? Vielleicht sogar schon 21 oder 13? Vermutlich wären acht in vier Ställen schon eine Überbelegung jedes einzelnen Stalls und würden eine drangvolle Enge verursachen. In einer Dreizimmmerwohnung würde der Vermieter bereits fünf Kaninchen einen Überschuss nennen und unverzüglich ihre Verbrennung fordern. Und ist die Wohnung noch kleiner, wären drei, sogar zwei Kaninchen eine Last und müssten abgebrannt werden. Tatsächlich könnte ein einziges Kaninchen stören, wenn es ständig im Weg rumhoppelt. Demgemäß ist jedes einzelne Kaninchen ein überschüssiges Plagdier und muss ohne Mitleid angezündet werden. Selbst das, auf dem ich gerade liege.“

„So beruhigen Sie sich doch!“ raunte die Frau. „Nicht ein Kaninchen wird verbrannt. Und außerdem liegen Sie nicht auf einem Kaninchen. Das ist mein roter Mantel, aus Kaschmir.“ Sie richtete sich auf und schaute gegen den blauen Himmel. „Hören Sie doch das Tatütata! Da kommt schon der Krankenwagen den Berg hinauf. Sie werden gleich hier sein und Ihnen helfen.“

„Die sollen sich beeilen. Ich habe eine Wollallergie und spüre schon, dass mein Kopf zerspringen will.“

„Das liegt nicht an der Kaschmirwolle. Sie sind gegen den Obelisken gestoßen.“

„Nein!“, sagte ich und fuhr hoch. Über mir der gewaltige Obelisk. O Gott, wie ragte er hinauf. Irgendwo da oben, wo seine fluchtenden Kanten sich zu vereinen schienen, durchstieß er die Himmelbläue und verschwand in den Schwärzen des Weltalls. Dieser Obelisk war mir so fern entrückt, der konnte mir nichts anhaben. Ein Mann war um die Ecke des Sockels gekommen und hatte mir seine Faust ins Gesicht gestreckt.
Später, als ich schon im Zug saß mit einem Pflaster über der frischen Naht am Kinn, kehrte meine Erinnerung zurück. Sie hatten mich im Krankenhaus dabehalten wollen, „zur Beobachtung“, sagten sie. Aber ich hatte mich angezogen und war „auf eigene Verantwortung“ gegangen, weil ich mich nicht beobachten lassen wollte von Leuten in weißen Kitteln.

Teil 2