Äbtissin hat die Händlerkarte

„Ich freue mich, dass ich die Händlerkarte bekommen habe“, freut sich Elisabeth Vaterodt, Äbtissin des Klosters Marienthal in Ostritz. Sie ist wild entschlossen, Kunstschätze aus der Klosterbibliothek zu verscherbeln. „Bares für Rares.“ Wertvollstes Objekt ist der Marienthaler Psalter, ein prachtvoll illustriertes, handgeschriebenes Gebetsbuch vom Beginn des 13. Jahrhunderts. Nicht Horst Lichter, sondern der Schweizer Kunsthändler Jörn Günther soll den Verkauf des Kunstschatzes einfädeln. Experten schätzen den Wert auf vier Millionen Euro. Das Geld solle dazu dienen, so die Äbtissin, Schäden aus dem Neiße-Hochwasser 2010 zu beseitigen und den Bestand des Klosters zu sichern.

Einige Zeit hatte ich beruflich mit dem Kloster Marienthal zu tun. Die großen Nebengebäude sind nämlich mit Mitteln der Bundesstiftung Umwelt zum internationalen Begegnungszentrum (IBZ) mit Seminarräumen und Gästezimmern ausgebaut worden. Da die Stiftung auch Schüleraustauschprojekte wie „Jugend und Umwelt“ fördert, trafen sich dort regelmäßig Schulklassen aus östlichen Ländern der Europäischen Union mit deutschen Schulkassen. Die Schülerinnen/Schüler recherchierten Umweltthemen und schrieben Artikel für örtliche Zeitungen. Dazu fanden medienkundliche Seminare unter meiner Leitung statt. Diese und ähnliche Veranstaltungen sind im Corona-Lockdown ausgefallen, weshalb dem Kloster Einnahmen fehlen. Deshalb jetzt der skandalöse Ausverkauf von Kulturgütern, auf den der Archivar der RWTH Aachen, Klaus Graf, auf seinem Archivalia-Blog aufmerksam gemacht hat.

Wenn ein missratener Spross in der TV-Sendung „Bares für Rares“, wertvolle Erbstücke verramscht, wird das oft euphemistisch verbrämt mit der stereotypen Aussage: „Damit es in gute Hände kommt“, und man versteht die ehrliche Selbsteinschätzung, wer verramscht, was Generationen getreulich verwahrt haben, hat keine guten Hände. Wenn der Marienthaler Psalter in „bessere Hände“ gerät, verschwindet er vielleicht im Safe der Villa eines Oligarchen. Dann ist er so gut wie verbrannt.

4 Kommentare zu “Äbtissin hat die Händlerkarte

  1. Pingback: Blog Archaeologik: “Marienthaler Nonnen ohne Gewissen” – Archivalia

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.