Digitales Geld in Deppenhand

Eine sehr junge Frau steht vor mir in der Bäckerei und kauft ein Brötchen. Dann zahlt sie den Minibetrag mit ihrem Smartphone. Hält das Ding ans Lesegerät, dreht sich auf dem Absatz herum und eilt davon. „Halt!“, ruft die immer mürrische Verkäuferin, zieht den Bon aus dem Drucker und indem sie ihn verächtlich wegwirft, erlaubt sie: „Jetzt können Sie gehen.“ Die junge Frau hat Deutsch mit Akzent gesprochen, ist wohl aus einem slawischen Land zugewandert und wähnt sich jetzt auf der Höhe der Zeit, in der man Brötchen mit Smartphone, also mit digitalem Geld kauft. Sie bekommt etwas Materielles, ohne zu erleben, was da im Kontakt zwischen ihrem Smartphone und dem Kartenleser geschieht.

Damit liefert sie sich einem völlig unwägbaren Vorgang aus. Niemand, weder sie, die Verkäuferin noch ich, der Beobachter, hat eine Vorstellung davon. Eine gewaltige energiefressende Infrastruktur ist nötig, damit derlei Bezahlvorgänge möglich sind. Und zwischen jeder Zahloperation und dem Bezahlenden greift ein digitaler Wegelagerer eine Gebühr ab. Elon Musk hat sein Vermögen mit derlei Wegelagerei gemacht, indem er 1999 den Bezahldienst PayPal gründete. Bei der digitalen Wegelagerei muss niemandem der Schädel einschlagen werden. Aber man schaut unwägbar für den Betroffenen in seine Jacke, kennt seine Kleidergröße, seine Aufenthaltsorte, seine Routinen, Kaufakte, Vorlieben, handelt mit diesen Daten oder leitet sie an Geheimdienste.

Mit dem Verschwinden des materiellen Geldes verschwindet auch seine Wertigkeit in unserer Wahrnehmung. Goldmedaillengewinner wurden eine Zeitlang fotografiert, indem sie ihre Zähne in die Medaille schlugen, was gewiss auf Zeiten rekurriert, als die Bissprobe echtes von Falschgold unterscheiden half. Nicht beißbar, nicht einmal greifbar und darum unbegreiflich ist digitales Geld. Ein Instrument, mit dem Regierungen willfähriges Verhalten erzwingen können, ist es auch, wie in den vergangenen Jahren, als PayPal das US-Embargo weltweit gegen Kuba durchsetzte.

Ich sehe die junge Frau nochmals auf dem Gehweg, wo sie ihr Fahrrad schiebt, und denke: Du bist die Vorhut unbedarfter hipper Deppen, die das Bargeld und ihre Selbstbestimmung verlieren werden.

17 Kommentare zu “Digitales Geld in Deppenhand

  1. Lieber Jules, es ist wie mit allem neuen. Probleme kann man bei allem sehen. Als man mir in der Sauna alles bis auf das Handy geklaut hatte, konnte ich wenigstens noch mein alkoholfreies Weizen und den Flammkuchen mit dem Handy bezahlen. Mir ist bewusst, dass der lettische Präsident sich eher eine Hand abhacken würde, als Paypal zu benutzen. Ich nutze es trotzdem sehr gerne, weil ich so nicht Hinz und Kunz meine Zahlungsinformationen geben muss. Leider kann ich nicht alles was ich benötige in unserem Cap Markt kaufen. Der akzeptiert übrigens kein Google pay, weil das nur mit Kreditkarten geht und da die Gebühr zu hoch ist. Wer jetzt alles was mit meinen Kaufgewohnheiten macht, weiß ich nicht, aber bisher hat es mich auch nicht gekratzt. Also lass doch die junge Frau die Zeichen der Zeit nutzen umd die Bäckersfrau wird sich auch noch daran gewöhnen. Steve Jobs, Larry Page, Bill Gates, alle wollen oder wollten nur das beste für sich und wussten, dass sie das nur bekommen, wenn die Kunden zufrieden sind. Am besten und gewinnträchtigsten hat das wohl Steve Jobs geschafft.

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    • Lieber Wolfgang,
      wann immer ich über bedenkliche Aspekte des Digitalen nachdenke, fallen mir auch die Vorzüge ein. Du hast welche benannt. Das ist ja das Tückische, weshalb es schwer fällt, sich der Verlockung zu entziehen. Ich freue mich für dich, dass du auf dein alkoholfreies Weizen und den Flammkuchen nicht verzichten musstest. Doch geht es hier nicht um persönliche Vorteile. Es ist wie beim Zuckerkonsum. Man weiß, dass zuviel schädlich für die Gesundheit ist, aber das Belohnungssystem des Gehirns boykottiert den Genießer der süßen Verlockungen. Dein Appell, ich solle die junge Frau doch lassen, ist nicht nötig. Jede/jeder ist zunächst für sich selbst verantwortlich, letztlich auch für die gesellschaftlichen Folgen. In meinem Alter kratzt einen nicht, was in 25 oder 50 Jahren sein wird, aber für meine Enkel tuts mir leid. Folgenabschätzung und darauf hinzuweisen, ist die einzige Handhabe, die mir zur Verfügung steht. Es hat nichts mit Fortschrittsfeindlichkeit zu tun, wie du mir indirekt unterstellst. Es geht darum heute zu sehen, was das Leben auf diesem Planeten für die meisten einmal sehr unwirtlich machen wird.

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      • Es tut mir leid, dass ich dir Technikfeindlichkeit unterstellt habe. Ich finde es gut, wie du dir Sorgen um die Zukunft machst. Ich sollte das noch vielmehr, weil ich ja auch noch „Kinder“ habe, die jüngste ist 14. Da mache ich mir auch so meine Gedanken und sie um so mehr. Ich denke mir nur, kann denn das Geld an sich ein Mittel sein Nachhaltigkeit zu pflegen? Ist nicht vornehmlich durch das Geld die Verlockung in die Welt gekommen, den anderen viel leichter um sein Hab und Gut zu bringen? Ich bin selbst hin- und her gerissen. Die Jugend geht einkaufen, ohne Bargeld in der Tasche und kauft solange ein, bis der Verkäufer sagt, da ist aber kein Geld mehr auf deinem Konto. Irgendwie sorgen dann die Eltern dafür, dass wieder etwas aufgefüllt wird. Ich hatte früher eine Sparkasse mit echtem Geld und wusste wie begrenzt meine Möglichkeiten waren. Dieses Bewusstsein scheint es nicht mehr zu geben. Solange unterm Stich noch genug für die Meisten da ist, hat diese Neue Welt etwas von Neosozialismus. Man schert sich nicht mehr so sehr darum wer wieviel in der Tasche hat und konzentriert sich auf das Wesentliche. Denjenigen, die alleine um zu überlegen jeden Cent umdrehen müssen, dürfte es egal sein, ob sie mit Bargeld oder eben ohne zahlen. Ich gebe dir auf jeden Fall recht, was die Energieverschwendung angeht. Da muss man noch gar nicht mal mit dem Schlimmsten (Bitcoin) anfangen. Ich habe gelesen, dass jede Google Suche x Kilowatt Energie verschlingen würde. Das ist beängstigend, doch wer verzichtet darauf?

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  2. Ich verspüre wenig Lust, junge Leute dafür verantwortlich zu machen, stimme aber vollkommen zu, dass die komplette Abschaffung von Bargeld von Übel ist. Den Weg dafür geebnet haben aber wir und den Banken zuviel durchgehen lassen. Wenn es dann irgendwann soweit ist, wird es unter der Hand auch wieder Ersatztauschmittel geben.

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    • In der Tat nutzen die jungen Leute eine Infrastruktur, die von älteren Generationen geschaffen wurden. Ich kannte einen Studenten, der in den 1970-er Jahren mit Taschenrechnern gehandelt hat, später auf Heimcomputer umgestiegen ist und in den 1980-ern den weltweit operierenden Handelriesen Vobis geschaffen hat. Ich erinnere mich, wöchentlich eine Lohntüte mit Bargeld bekommen zu haben, bis die Banken mit einem kostenlosen Girokonto lockten, um den Fuß in die Tür zu kriegen und mitzuverdienen. PayPal und andere sind nur die logische Folge. Eine Weile gab es den Boom des Regionalgelds als „Ersatztauschmittel.“ Inzwischen hört man kaum noch etwas darüber:

      Abendbummel online – Eulenflucht

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      • Ohweh, – das waren Theo Lieven und Rainer Fraling und die hatten einen Laden – glaub ich – in der Ponte nahe beim KHG und – glaube ich mich erinnern zu können – im Audimax. Dann hat die METRO sie gefressen. Das lief nicht gut für die Beiden und sie haben irgendwie nicht mehr ganz korrekt weiter gewuselt. Die Wiki schreibt was dazu.

        Soll es wohl heute noch geben diese Firma … Links dazu erspar ich mir und Euch.

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        • Das Lädchen von Vobis war schräg gegenüber dem Kittel, worin heute ein Weinladen ist. Mit Lieven habe ich in der AStA-Druckerei gedruckt, bis er mit den Taschenrechner soviel verdiente, dass er es nicht mehr nötig hatte. In den 1990-er Jahren konnte er Microsoft die Stirn bieten und hat eine Weile seine PC mit dem Betriebssystem OS2 statt Windows verkauft. Später hat er seine Anteile an den Metro-Konzeren verscherbelt, „das Geld hinter die Brandmauer geschafft“ und sich als MIllionär in Belgien zur Ruhe gesetzt, hat noch studiert, promoviert und war weiterhin als Mäzen tätig, hat junge Pianisten gefördert und Jungunternehmer beraten.
          Bis in die 1990-er Jahre hätte ich nie gedacht, dass Computer und das Internet einmal so wichtig werden würden.

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          • Rainer Fraling und Theo Lieven sind übrigens 2006 von Prof. Dr. Burkhard Rauhut (der frühere Rektor der RWTH und ein ganz feiner Mensch) zu Ehrensenatoren der RWTH gewürdigt worden.

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  3. Bei Deinem Text stellte ich mir vor, wie jemand kräftig in sein Handy beißt, um zu testen, ob da noch genug digitales Vermögen drin ist…
    …aber abgesehen davon gab es bestimmt auch mal eine Zeit, in der Geld als neumodischer Kram betrachtet wurde, und man den Zeiten hinterher trauerte, in der man das Entrecote vom Säbelzahntiger noch mit selbstgestrickten Socken bezahlen konnte.
    Oder so.

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    • Hübsche Vorstellungen. Es geht beim digitalen Geld um andere Dimensionen. Selbstgestricktes hat nicht das Potential, die Nutzer am anderen Ende des Erdballs zu knechten. Aber PayPal kann Händlern und Kunden vorschreiben, auf kubanische Produkte zu verzichten, weil die US-Regierung das fordert. Kann auch einfach Konten sperren.

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      • Ich sehe beim Discounter immer häufiger voll verkabelte Hipster (die Männer oft mit Ohrring und gerne auch mit einem Dutt) an der Kasse mit der drangehaltenen Armbanduhr (Smartwatch mit Google/Apple-Pay) bezahlen.
        Voll peinlich diese Gestalten, die ohne die entsprechende App nicht mal ein analoges Loch in den Schnee pinkeln könnten …

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