Burtscheider Kur-Splitter 6 – Dicke Leute und Gelenke

Ein Mann und eine Frau, beide etwa Ende vierzig, unterhalten sie über Rheuma-Medikamente. Von einem habe er kräftig zugenommen, sagt der Mann. Er weist auf seinen Bauchansatz. Vorher hätten Ärzte ihn gefragt, ob er Leistungssport betreibe. Ich frage mich nicht zum ersten Mal, ob derlei zusätzliche Körpermasse redundant ist, ob einer/eine noch der schlanke Mensch ist, der er/sie einmal war, jetzt nur von zusätzlichen, funktionslosen Kilogramm Fett umhüllt, die parasitär mit herumgeschleppt werden müssen. Wann wird das Fett Bestandteil der Person? Es kann ja einfach weg, wie es bei einer radikalen Abmagerungskur oder operativen Entfernung geschieht.

Derselbe Mann macht auf ein Phänomen aufmerksam: Die Kurgäste wären ja allesamt 50 plus. „Wo sind die jungen Leute? Die brechen sich schließlich auch schon mal ein Bein?“
„Dann machen die keine Reha“, meint die Frau. Beinbruch scheint sowieso selten zu sein. Die meisten, die hier herum humpeln sind adipös und haben ein neues Hüftgelenk oder Knie. Deutschland liegt mit 304 künstlichen Hüftgelenken pro 100,000 Einwohnern weltweit an der Spitze, dicht gefolgt von der Schweiz und Österreich. Das sind in Deutschland erschreckende 257.000 Fälle (man korrigiere mich). Der Spaß kostet etwa 3000 Euro pro Tag ab OP. Was das bei 20 Tagen Reha ausmacht, mögen andere ausrechnen. Ich habe schon immer Angst vor großen Zahlen gehabt. Jedenfalls scheint sich eine gigantische Hüftgelenk-Industrie etabliert haben und in den meisten Fällen ist zu viel Essen der Grund.

Beim Frühstück eilt eine schlanke junge Frau durch den Speisesaal, trägt in der einen abgeräumtes Geschirr, wischt mit der anderen in Windeseile einen Tisch ab, fragt nach Wünschen und trägt Essen heran für jene, die nicht selbst laufen mögen. Trotz ihres erkennbaren Fleißes wirkt sie deplatziert. Man könnte sie für die Vertreterin einer anderen Spezies halten. Mit der weißen Rüschenbluse und dem schwarzen Bolerojäckchen darüber, der engen schwarzen Kunstlederhose und den weißen Sneakers, den großen Ohrringen, den knallroten künstlichen Fingernägeln, den eng zum Dutt gestrafften dunklen Haaren würde sie eher in eine Disco passen.

Wird sie sich in 50 Jahren auch mit einer ordentlichen Fettschicht ummantelt haben? Als Radsportler war ich mal ein schlanker Mann und habe ab dem 50. Lebensjahr pro Jahrzehnt zehn Kilo zugelegt. Ich könnte das auf den täglich geschluckten Blutdrucksenker schieben, aber es fehlte wohl auch Bewegung. Zuviel am Schreibtisch gehockt und geschrieben. Ein Aachener Radsportler hat nach Karriereende vermutlich die gleiche Kalorienmenge zu sich genommen und war bald rund wie eine Kanonenkugel. Von der Fülle bin ich noch weit entfernt, aber trage mit mir, was der eingangs erwähnte Mann in Ansätzen hat. Ich bemühe mich, das loszuwerden. Wäre ich danach noch derselbe Mann, würde stimmen, die These von der redundanten Körpermasse.

8 Kommentare zu “Burtscheider Kur-Splitter 6 – Dicke Leute und Gelenke

  1. Als ich vor mehr als 40 Jahren immer wieder Schwierigkeiten mit meinen Knien hatte, sagte mein Arzt, ich solle mich schonen. Also ließ ich es mit dem Kampfsport und extremen Ski fahren 🙄 … 😁 ganz so streng hielt ich mich allerdings nicht an seine Ratschläge. Aber ich kannte Leute mit ähnlichen Problemen, denen fehlte anschließend der Leistungsanreiz und sie hatten keine Lust mehr … da ging das Gewicht ganz schön hinauf.

    Mittlerweile ist man da ja schlauer. Nach einem Unfall hatte ich eine Knie-OP und es hieß: sofort wieder bewegen und wenn der Bruch allmählich verheilt, Belastung steigern. Ich bekam eine Runde Physio verschrieben und die Haxen funktionieren wieder super.

    Die Statistik sagt aber auch, dass Deutschland ein überaltertes Land ist. Die Babyboomer kommen in die Jahre. Ich kenn auch normalgewichtige Leute mit künstlichen Gelenken; aber die haben keine Lust auf Reha und machen das mit hiesigen Physios, dazu Youtube-Anregungen.
    Manche scheinen jedoch etwas mehr Hilfe zu benötigen 🙄 und die ganz traurigen lassen sich irgendwie fallen. Kilos loswerden ist ja auch eine zähe Sache.

    Rheuma-Medikament sind was ganz fieses. Meine Mutter musste eine bestimmte Zeit lang was nehmen, das sie richtig aufschwemmte (ich glaub, da war viel Cortison drin). Es wurde dann durch was anderes ersetzt und die Kilos purzelten wieder.

    In diesem Sinne 🤗 immer schön in Bewegung bleiben
    Liebe Hopsegrüße
    Sabine

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..