Burtscheider Kur-Splitter 3

Es hat ja jede(r) nur das eigene kleine Leben und ist mutterseelenallein in seinem Kosmos. Indem ich zufällig einige Gespräche höre, wird mir klar, dass manche Menschen völlig im Konkreten verhaftet sind. Derlei gilt in der Wissenschaft als typisch für orale Gesellschaften. Abstand vom konkreten Alltagserleben erlaubt nur die Verschriftlichung. Sie ermöglicht die rückwärtige Betrachtung von Ereignissen, deren Reflexion und Abstraktion. Darin liegt ein Wert des Schreibens. Indem Medien wie Film und Fernsehen, Smartphone und Internet Kommunikation ohne Schrift erlauben, ist es möglich, außerhalb von Schule und Beruf, fast schriftlos zu leben und eine naive Weltsicht zu kultivieren.
Am Morgen geträumt, dass ich Walter heiße, und ich war sehr überrascht, wie anders die Welt aus der Perspektive eines Walters aussieht. Walters Welt ist kräftig, eine Welt großer Bauten und großer Ideen. Leider endete der Traum rasch, so dass ich nichts Konkretes aus dem Walter-Kosmos berichten kann. Gäbe aber Stoff für eine Erzählung „Als ich Walter war“ oder „Walters Welt.“ Vorerst etwas über den Vornamen: Der aus dem Althochdeutschen stammende Name bedeutet soviel wie Heerführer, war im Mittelalter bis in die Neuzeit verbreitet, doch wird heute nur selten vergeben, scheint also zu versinken. Spontan fallen mir der mittelalterliche Lyriker Walther von der Vogelweide (1170-1230) ein, der Gründer des Bauhauses Walter Gropius, der Staatsratsvorsitzende der DDR Walter Ulbricht, der deutsche FDP-Politiker und Bundespräsident a. D. Walter Scheel sowie der US-amerikanische Trickfilmzeichner und Filmproduzent Walt Disney, aktuell noch der belgische Radsportler Wout van Aert. Wout ist die friesische Variante.
Der Empfangsbereich des Kurklinik ist neu gestaltet worden und die Cafeteria gleich mit. Die Verkaufstheke war zuvor einer rückwärtigen kleinen Küche vorgelagert. Jetzt ist die Theke zentral in den Raum verlegt. Die Frau hinter der Theke ist mir seit dem ersten Aufenthalt im Jahr 2016 vertraut.
„Sie haben ja einen ganz neuen, stylischen Kommandostand“, sage ich, „ist das besser so?“
„Nein, die Spülmaschine steht noch hinten, und ich muss immer hin- und herlaufen. Wer das geplant hat, arbeitet hier nicht.“
„Mit anderen Worten: Sie sind nicht gefragt worden.“
„Nein!“, lacht sie, und ich verstehe, dass sie die Vorstellung, man hätte sie gefragt, lachhaft findet.
Warum eigentlich? Kann man von Planern und Innenarchitekten nicht erwarten, dass sie Arbeitsabläufe berücksichtigen? Wer 100 Jahre nach Bauhaus noch bei der Gestaltung grundlegende funktionale Aspekte ignoriert, sollte besser Zuckerbäcker werden. Walter Gropius hätte mit dem Knüppel reingeschlagen.

14 Kommentare zu “Burtscheider Kur-Splitter 3

  1. Das ist die Regel, dass Bauherrn, Planer und Innenarchitekten die arbeitenden Menschlein nicht fragen bzw. in ihre Planungen mit einbeziehen. Genauso wenig wie die Macher und Planer der Deutschen Bahn Schwerbehinderte und Mütter mit Kinderwagen konsultieren, wenn es um die Konstruktion neuer Züge geht.

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  2. Ein gutes Beispiel für das unsinnige Vorgehen von Planung am Schreibtisch für Nutzer deren Arbeitsabläufe überhaupt nicht beachtet werden und die man aus Arroganz bei grundlegenden Änderungen nicht einbezieht. Schade und dumm. Schönen Sonntag, lieber Jules.

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  3. Bauhaus? Naja… Nachdem ich dort gewesen bin und die einzelnen Gebäude besucht und besichtigt hatte, war ich zwar von den geraden Linien angetan, aber sonst eher kritisch.

    Die (vorwiegend) Männer haben kaum an das Personal gedacht, das beispielsweise die Reinigung zu übernehmen hatte.
    Ein Regenfallrohr aus Glas zu bauen und im Gebäude verlaufen zu lassen mag interessant sein, es sieht aber wirklich nicht mehr ansehnlich aus.

    Und dass die Garage am Direktorenhaus von Herrn Gropius zwei Garagentore hat, eins vorn und eins hinten, weil die Garage zwar zu kurz für seinen Wagen, dafür aber rechlich breit geraten ist, lässt mMn schon Rückschlüsse auf die Alltagstauglichkeit mancher Ideen zu.

    Ein besseres Beispiel hat für mich Otl Aicher geliefert. Nach der Lektüre seines Werkes „Die Küche zum Kochen. Das Ende einer Architekturdoktrin.“ habe ich begriffen, wo die Grenzen zwischen Design als Selbstzweck (Selbstdarstellung des Architekten / Designers) und dem menschlichen Nutzen verlaufen.

    Einen schönen Sonntag wünscht
    Robert

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    • Vor einiger Zeit habe ich das Fagus-Werk besichtigt, eine Schuhleistenfabrik, die Walter Gropius zusammen mit Adolf Meyer geplant hat. Hier sind ausdrücklich die Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen/Arbeiter berücksichtigt, wie man Ausstellungstexten entnehmen kann. https://de.wikipedia.org/wiki/Fagus-Werk
      Dass das Bauhaus von Männern dominiert war, ist rückblickend kritikwürdig, passt aber in die Zeit. Otl Aicher war ein guter Mann. Seine gestalterischen Ideen fußen zwar nicht ausdrücklich auf Bauhaus, aber sind eine Fortschreibung. Viele Typographen, auch ich, finden seine Schrift Rotis misslungen.
      „Eine Küche zum Kochen“ werde ich mir mal besorgen. Danke für den Hinweis.

      Schönen Sonntag
      Jules

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      • Das Fagus-Werk kenne ich auch. Die Glasfassaden z.B. schufen ein besseres Licht für die Arbeiter, insofern dadurch auch bessere Arbeitsbedingungen.

        Ich kenne die Rotis. Da ich aber kein Typograph bin, kann ich in Sachen Funktionalität nicht mitreden.

        Was mich noch mehr impulisierte als Aichers Küchenbuch war sein Buch „Gehen durch die Wüste“ – daraus habe ich noch mehr Erkenntnisse für mein alltägliches Leben gewonnen. Und sie sind als Denk- und Verhaltensweisen für mich noch immer gültig.

        Gruss
        Robert

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  4. Hm…Design follows Function….mache ich privat ehrlich gesagt auch manchmal. Die Optik ist mir in meinem kleinen Reich gerne mal wichtiger, als dass es bequem ist. Aber bei der Arbeit ergibt das keinen Sinn.
    Und Bauhaus liebe ich. Das heißt aber eben auch, dass es genügend Schränke geben muss, in dem der ganze Plunder, den man um sich sammelt, unterkommt 🙂

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