Plausch mit Frau Nettesheim – Aus dem Kopf abgetippt

Trithemius
Liebe Frau Nettesheim, mein Kopf ist ganz leer.

Frau Nettesheim
Do mäht mer en Kölle kein Finster för op.

Trithemius
Aha! Dafür öffnet man in Köln kein Fenster. Sie finden meine Gedankenleere also unwichtig?

Frau Nettesheim
Ich wundere mich nicht, weil ich Sie lange genug kenne. Unwichtig ist dieser Hinweis nicht. Sie sollten schon ein paar Gedanken im Kopf haben, wenn Sie sich bemüßigt fühlen zu schreiben.

Trithemius
Wollen Sie damit sagen, dass vor dem Schreiben schon alles im Kopf parat liegen muss, so dass man es hurtig vom inneren Schreibtisch abtippen kann?

Frau Nettesheim
Für Schopenhauer sind das die seltenen Denker. Die meisten seien „solche, die während des Schreibens denken.“

Trithemius
Ich schätze Schopenhauer, aber seine Geringschätzung des schreibenden Denkens ist vermutlich eine kleine Bosheit gegen Berufskollegen. Echte Philosophen wie er fangen erst an zu schreiben, wenn sie eine Sache gedanklich durchdrungen haben. Schlechte Philosophen sortieren ihre Gedanken erst beim Schreiben. Doch literarisches Schreiben ist anders. Man kann sich schreibend etwas ausdenken und wundersame Texte verfassen.

Frau Nettesheim
Schreibendes Denken als kreativer Prozess?

Trithemius
Gedanken lassen sich nicht herbeizwingen. Sie schießen einem in den Sinn, wie sie lustig sind. Sie von vorneherein auszuschließen, verarmt das Schreiben. Wer sich schon alles im Kopf zurechtgelegt hat, bevor seine innere Tippmamsell zu Werke geht und alles abtippt, muss jeden plötzlich auftretenden Gedanken verscheuchen.

Frau Nettesheim
„Tippmamsell“ ist wohl herabsetzend.

Trithemius
Wenn die Dame höchsteigen in meinem Kopf ist, kann ich sie nennen, wie ich will, auch „mein inneres Maschinenfräulein.“ Und sie soll sich nicht erfrechen, den Kopfhörer aufzusetzen und „Schopenhauer, Schopenhauer“ zu trällern, wenn ich mit einem neuen Gedanken daher komme.

Frau Nettesheim
So leer wie Sie eingangs geklagt haben, ist Ihr Kopf wohl gar nicht. Da sitzen immerhin eine Tippmamsell und ein Maschinenfräulein, das seinen Schopenhauer gelesen hat.