Peinliche Ferienerlebisse

Meine Patentante Liesel lebte in Küppersteg. Sie war eine Freundin meiner Mutter. Die beiden hatten sich auf der Hauswirtschaftsschule kennengelernt. Tante Liesel hatte ein berührendes Schicksal. Sie heiratete im Krieg, und in der Hochzeitsnacht wurde ihr Mann zur Front abberufen und blieb im Krieg. Ich erinnere mich an Radiosendungen in der Zeit der heimkehrenden Kriegsgefangenen, bei denen die Namen der Heimkehrer vorgelesen wurde. Meine Mutter lauschte den Sendungen, weil Sie für Tante Liesel hoffte, den erlösenden Namen „Blum“ zu hören. Es geschah nie. Und nie wurde bekannt, was mit dem Soldaten Blum geschehen war.

Weil meiner Patentante Liesel das Ziel ihrer Liebe abhandengekommen war, verströmte sie auf alle in ihrer Umgebung etwas liebenswert Weiches. Auf mich wirkte sie immer ein bisschen abwesend und weltfremd. Ich erinnere mich an Pullover, die sie für mich strickte. Vielleicht strickte sie zu langsam oder ich wuchs zu schnell für ihr Stricktempo. Jedenfalls waren mir die Pullover immer zu klein und schnürten mich ein wie eine Wurstpelle. Sie hätte ihren Mann für tot erklären lassen können, um wieder heiraten zu können, blieb dem Soldaten Blum aber lebenslang treu. Obwohl sie begütert war, nahm sie später eine Stelle als Haushälterin in einer Pfarrei an, wo sie drei Priester beköstigte.

Einst sah ich bei der achtjährigen Tochter einer Freundin eine Zeitschrift für Mädchen und staunte, dass ein zentrales Thema „Peinliche Erlebnisse“ waren. Ich dachte spontan, dass auf diese Weise in kleinen Mädchen schon Unsicherheit und Selbsthader geschürt werden, damit man ihnen später alle möglichen Produkte verkaufen kann.

Indem ich Tante Liesels kleines Porträt schrieb, kamen mir ebenfalls peinliche Erlebnisse in Erinnerung, die mir in den Ferien bei Tante Liesel widerfuhren. Ich hab lange Zeit nicht mehr an diese Situationen denken wollen. Erfolgreich verdrängt hatte ich die Sache mit dem Aufschnitt. Ich war zum Lebensmittelgeschäft Laukötter geschickt worden und sollte fürs Abendessen ein Viertelpfund Aufschnitt kaufen. Wie wohl üblich, sollte ich anschreiben lassen, was mir unangenehm war. Ich kaufte den Aufschnitt, und die bedienende Tochter Laukötter packte ihn mir in festes Papier ein. Auf dem Rückweg überkam mich der Übermut und ich warf das Paket senkrecht in die Luft und fing es wieder auf. Das schmale Wurstpaket segelte so schön aufwärts, aber wie es herunterkam, rutschte es mir durch die Finger, just in die Schlitze eines Gullys hinein und war weg.

Die zweite Geschichte geschah im Freibad. An einem heißen Sommertag hatte Tante Liesels Neffe Rainer mich ins Freibad mitgenommen, wo er sich mit anderen Jungen und Mädchen traf. Ich fühlte mich unwohl zwischen all den Fremden. Plötzlich stand Rainer von unserer Decke auf und sagte, er wolle Eis holen. „Für mich auch!“, riefen einige, und ich ließ mich mitreißen und rief ebenfalls: „Für mich auch!“ Im gleichen Augenblick wurde mir klar, dass ich überhaupt kein Geld hatte, und es war mir peinlich, Eis geordert zu haben. Als Rainer mit dem Eishörnchen für mich zurückkam, weigerte ich mich, es anzunehmen. Rainer war erbost und sprach nicht mehr mit mir. Bei der Rückfahrt mit dem Fahrrad, sagte er, froh gewesen zu sein, dass ihm jemand das von mir verschmähte Eis abgekauft hätte.

Im Haus in Küppersteg lebte noch Tante Liesels Schwester, Tante Änne mit ihrem Mann und dem Sohn Rainer. Zu jener Zeit wurde noch in der Waschküche gebadet. Sie lag im Untergeschoss eines Anbaus. Einmal ging ich über den Hof und sah durch ein Fenster der Waschküche Kerzenschein. Offenbar badete Tante Änne. Neugierig ging ich nochmals an der Waschküche vorbei und abermals hin und her, bis Tante Änne von drinnen rief: „Willst du mich nackt in der Badewanne sehen?!“, was sicher nicht als Angebot gemeint war. Ich stammelte etwas und lief weg. Das war mein peinlichstes Erlebnis gewesen. Überhaupt geriet ich immer dort in Situationen, denen ich nicht gewachsen war. Ich war halt ein Junge vom Dorf.