Unversöhnliches Wiedersehen – Autobiographisches

Einer meiner Lehrer in der Mittelklasse der dreiklassigen Volksschule unseres Dorfes hieß Egon Russ. Er war ein strenger, aber gerechter Mann, und ich habe einiges bei ihm gelernt. Egon Russ entdeckte mein Talent zum Schreiben und ließ mich gelegentlich einen Aufsatz vorlesen. Ich erinnere mich an einen Aufsatz zum Thema Tafelputzen, eine Vorgangsbeschreibung. Ich ließ darin den imaginären Tafeldienst einen Eimer Wasser holen und damit „ohne ein Geräusch zu machen“ zur Tafel huschen. Als ich meinen Aufsatz vorlas, war mir schon klar, dass er Elemente enthielt, die nicht zum Thema gehörten, ich wusste, wo ich unzulässig ausgeschmückt hatte.

Schließlich ist es egal, ob einer zur Tafel huscht oder nicht, wenn er nur ordentlich putzt, und prompt wurde das von Lehrer Russ angemerkt, aber mehr für die anderen, denn er ahnte, dass ich selbst Bescheid wusste. Damals hat eben der Tafeldienst nicht gelärmt, jedenfalls in meinem Heft nicht. Aber das war selbst für Lehrer Russ zuviel.

Herr Russ war auch der erste und einzige gewesen, der in den großen Ferien ein Freizeitangebot für daheim gebliebene Schüler gemacht hatte. Wir bauten unter seiner Anleitung das Segelflugmodell „Der kleine Uhu.“ Mit den fertigen Modellen nahmen wir an einem Wettbewerb teil. Am ersten Tag kreiste mein Modell am längsten in der Luft. Ich gewann eine Stoppuhr in einem grünen Plastikgehäuse und erinnere mich, dass ich zu Hause auf dem Plumpsklo saß und dachte, ich sei der glücklichste Mensch der Welt. So verändern sich Perspektiven. Heute würde ich dieses Plumpsklo im offenen Schuppen eines Bauernhofs meiden wie die Pest.
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