Mit dem Einkaufswagen durch ein verschwundenes Kaufhaus – nichts für Fußlahme

Für mich als Kind war der Wald der Inbegriff des Beständigen. Dass auch der Wald sich durch Bewirtschaftung verändert, erschloss sich mir erst, nachdem ich größere Zeitspannen überblicken konnte. Inzwischen weiß ich, dass nichts in der Welt von Dauer ist. Alleweil ändert sich was. Auch was uns heute selbstverständlich erscheint, verändert sich über Nacht oder verschwindet. Im vergangenen Sommer war ich wegen des Spiralbruchs meines Unterschenkels nach Krankenhaus, Kurzzeitpflege und Reha mehr als drei Monate nicht zu Hause. In der Zwischenzeit sind drei mir vertraute Obernachbarinnen weggezogen und das Real-Kaufhaus in meiner Nachbarschaft hat geschlossen.

Real war mir immer unsympathisch, aber für mich bequem zu erreichen. Er lag nämlich nur vier Gehminuten entfernt. Daher habe ich dort gelegentlich eingekauft. Den Monitor, auf den ich gerade schaue, habe ich dort an einem Samstag gekauft, nachdem der alte am Morgen kaputt gegangen war. Während des Lockdowns war Real die Rettung, denn der Markt bot nicht nur Lebensmittel, sondern auf der ersten Etage fast alles für den täglichen Bedarf. Mein im Unmut gekauftes Kochmesser stammt da her.

Inzwischen ist der Gebäudekomplex eine soziale Brache. Nicht nur die Verkaufshalle ist leer, sondern auch alle Geschäfte im Vorkassenbereich sind geräumt. Der gläserne Eingangsbereich wirkt verwahrlost. Auf jeder Hälfte der Automatikschiebetür ist noch das hübsche lebensgroße Paar zu sehen, das sich mit gespitztem Mund einander zuneigt, um sich bei jedem Öffnen der Türen zu trennen und beim Schließen einen Kuss zu geben. Das muss eine Bützerei gewesen sein, den lieben Tag lang. Denn der Markt war stets gut besucht. Nie wurden sie einander müde und jetzt sind sie bis zum Gebäudeabriss im Kuss vereint.

Durch den Eingangsbereich hinter ihnen betrat man das Kaufhaus, links aber ein Nagelstudio, wo junge asiatische Frauen in Reihe den Kundinnen die Nägel feilten. Daneben, schon in der Verkaufshalle, hatte ein Schlüsseldienst sein fensterloses Gelass. Daran schlossen sich entlang der Straßenfront einige Vorkassenläden an, ein Zeitungsgeschäft mit Lottoannahme, Post und DHL-Station, eine Apotheke, ein griechischer Feinkostladen, eine Bäckerei mit Café. Wer sich hinter dem Eingang nach rechts wandte, betrat den weitläufigen Lebensmittelmarkt, musste aber vorher an einem Stand vorbei, wo gebratene oder erhitzte Fleisch-Wurst-Gerichte angeboten wurden. Hinter der Eingangschranke war links ein langes Zeitschriftenregal, auf der anderen Seite in kurzen Gassen die Süßwarenabteilung. Es folgten links zwei enge Regalgassen von Tchibo, rechts die Brotabteilung.

Dahinter öffnet sich die weitläufige Obst- und Gemüseabteilung, wo ich immer wieder vergaß, die Produkte selbst abzuwiegen und mit einem Aufkleber zu versehen, weshalb ich an einer der sieben oder acht Kassen die Verwünschungen der Wartenden in den Nacken bekam, wenn mich die Kassiererin zum nachträglichen Abwiegen schickte. Ach, da lassen wir Obst und Gemüse lieber links liegen und schieben den Einkaufswagen aufs Rollband zur ersten Etage. Die Räder sind wohl magnetisch, so dass der Wagen trotz der Schräge nicht rutscht. Im langsamen Aufwärtsfahren haben wir linker Hand einen Blick über den Parkplatz.

Ein Aachener Freund und Kollege berichtete, auf einem derartigen Rollband sei ihm ein IQ von 120 entgegengerollt – aber auf drei Personen verteilt. Tatsächlich schien das Real-Kaufhaus bei bildungsfernen Schichten beliebt zu sein. Sie kauften große Mengen Lebensmittel ein, die sie beim Discounter billiger bekämen, trugen gewaltige Plasmabildschirme weg, die dann zu Hause eine ganzes Zimmer dominieren. Bei einem Abendbummel fiel mein Blick in eine Wohnung und ich dachte erstaunt: Wer hängt sich denn ein überlebensgroßes Bild von Johannes Baptist Kerner an die Wand? Bis der Kerl sich bewegte. Da war es ein TV-Bild auf einem Plasmaschirm wie ich ihn so groß nie zuvor gesehen hatte. Oft habe ich mich gefragt, warum gerade Menschen aus dem Prekariat gerne bei Real einkauften. Da sie vornehmlich in Gruppen, meist Familienverbänden unterwegs waren, erschloss sich mir, dass für sie der Einkauf bei Real ein Akt der gesellschaftlichen Teilhabe war. Auch der riesige Bildschirm gibt denen am gesellschaftlichen Rand die Illusion, dabei und mitten drin zu sein.

Ich muss über die Bemerkung des Freundes immer noch schmunzeln, obwohl ich derlei Verächtlichmachung ablehne. Wer das Privileg hat, in eine bildungsbeflissene Familie hineingeboren zu sein, wer zu Hause viel kulturelles und oder sogar ökonomisches Kapital mitbekam, kann sich leicht über weniger Begünstigte erheben. Gerade brachte ein Bote zwei bestellte Bücher des Soziologen Pierre Bourdieu; „Die feinen Unterschiede“ und „Die verborgenen Mechanismen der Macht.“ Ich schäme mich, mir die Bücher bringen zu lassen, weil ich zu faul war, in die Buchhandlung zu gehen und eventuell nochmals, wenn die Bücher nicht vorrätig wären. Der sie mir hochtrug, verdient meinen ganzen Respekt, denn wie sich die Sache heute darstellt, bin ich Nutznießer einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung, die aus vielen unserer Mitmenschen billig abgespeiste Dienstboten macht, ohne dass sie je aus ihrer Situation werden aufsteigen können, egal wie fleißig sie sind. Der junge Mann wird höchstens Bücher von Bourdieu heranschleppen, aber nie etwas von ihm lesen, obwohl der Soziologe auf seiner Seite ist und die Mechanismen aufzeigt, deretwegen der Bote schon von Geburt an chancenlos ist.

Ich privilegierter Mensch schiebe den Einkaufswagen durch das Obergeschoss, komme durch die Schuhabteilung, wo ich im vorletzten Jahr prima Winterschuhe gekauft habe. Geradeaus ist der Markt für Elektrogeräte und Medien (auch triviale Bücher), linker Hand die Drogerieabteilung. Gott, ich gerate hier oben immer ins Schwitzen, also zurück durch die Abteilung Küchgeräte und Haushalttextilien. So umrunden wir die Bekleidungsabteilung, gelangen zu den Spielwaren, den Fahrrädern und zur Sportbekleidung. Unten entlang der Fleischereitheke in die Abteilung Milchprodukte, zurück an Tiefkühlvitrinen vorbei durch Weine und Spirituosen zur Kasse. Da beenden wir den Rundgang durch eine Warenwelt, die es nimmer gibt.

11 Kommentare zu “Mit dem Einkaufswagen durch ein verschwundenes Kaufhaus – nichts für Fußlahme

  1. Ethnologie des Alltags vom Besten, herzlichen Dank. Zwei Anmerkungen: die sich Küssenden sind keinesfalls „auf ewig“ mit einander vereint, wennnwie du kurz zuvor treffend schreibst, ist selbst dee Wald veränderlich. Also darf ich mir vorstellen, dass diese Tür sich erneut öffnet und …..
    Die andere Bemerkung betrifft den Bourdieu-Austräger. Wer sagt dir, dass er Bourdieu nie lesen wird? Ich habe als Kind Frauenzeitschriften in der „Nervenheilanstalt“ ausgetragen und wenig später Boudoeu gelesen. 🤨🦉

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  2. Mir gefällt Deine Beschreibung einer erlebten Vergangenheit.

    (Real mochte ich nie). Die Einkaufswagen rollen auf den schrägen Tarmacs nicht weg, weil sie neben den Rädern eine Plastikscheibe haben, die eben jenes Rollen auf der längs geriffelten Oberfläche des Tarmacs verhindert…

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