Ohne Boden lässt sich schlecht tanzen

Als ich heute für die Antwort auf einen Kommentar des Kollegen noemix einen von mir verfassten Beitrag in der Titanic-Rubrik „Briefe an die Leser“ suchte, fiel mir auf, wie ungeschickt und ungeübt ich mit einem Fundus von Fotokopien umging, und später beim Umblättern im gedruckten Heft war es nicht besser. Einst hat mir das Händeln selbst großformatiger Zeitungen keine Probleme gemacht, jedenfalls keine, die mich hätten darüber nachdenken lassen. Auch das Nachschlagen in Wörterbüchern war so geläufig, dass es für mich nur ein Thema gewesen war, weil ich das dazu erforderliche Blättern und Umblättern als Teil des Lese- Verstehens- und Verarbeitungsprozesses angesehen habe.

Trotzdem imponierte mir, als ich in den 1990-er Jahren las, der letzte Herausgeber des Leipziger DDR-Duden habe in seinem auf Dünndruckpapier gedruckten Buch für jedes Wort sogleich die richtige Seite aufgeschlagen, was anzeigte, dass es nicht nur meisterhaftes Blättern und Umblättern, sondern auch meisterhaftes Däumeln gab.

Das Haptische geht ja mit dem Umstieg auf digitale Medien über Bord. Zwar gibt es noch den realen Tastendruck, bei dem Tasten im Raum bewegt, also hinunter gedrückt werden, aber der fehlt bereits beim als Bild simulierten Tastenfeld der Tablets und Smartphones. Die These, das Händeln von Printmedien sei Teil des Verarbeitungsprozesses hat übrigens erstmals Umberto Eco formuliert. Für ihn gehörte dazu: das Betreten einer Bibliothek, das Suchen im Katalog, das Durchschreiten von Regalgassen und das Herausziehen eines Buches aus der Regalreihe. Bei der These, das Haptische gehöre zum Verarbeitungsprozess, fällt mir immer ein, dass ich früher ziemlich genau sagen konnte, wo ein Zitat in einem Buch gestanden hat, also linke oder rechte Seite oben/unten/Mitte, wie es gerade kam. Das wird jede Buchleserin, jeder Buchleser von sich kennen. Der Wert des Haptischen beim Leseprozesses kommt bildhaft zum Ausdruck in einem Gedicht der US-amerikanischen Dichterin Denise Leverton:

    And as you read
    The sea is turning its dark pages,
    Turning
    Its dark pages.

Der Kunstwissenschaftler Vladimir Alexseev, mein Freund und Blog-Kollege Merzmensch hält das Haptische für einen Bestandteil der Glaubwürdigkeit:

    „Meinerseits gibt es eine Merkwürdigkeit. Seit neulich bin ich Abonnent der digitalen FAZ. Was mir aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass in diesem digitalen Format die Zeitung, an Haptik verlierend, auch ihre Benjaminsche Auratik verliert. Man liest die Texte „nackt“, befreit vom Rauschen der großen Papierformate und fragt sich oft zu den Inhalten: „Muss das sein? Wie rückständig und reaktionär“. Das Digitale scheint die Wahrheitsillusion des Prints zunichte zu machen.“ (aus: Buchkultur im Abendrot)

Wenn also das Haptische beim digitalen Schreiben und Lesen wegfällt, was bedeutet das für unseren Lese-, Verarbeitungs- und Verstehensprozess? Dabei gilt es zu bedenken, dass wir noch mit einem Bein in der Buchkultur stehen, während das andere in den substanzlosen digitalen Raum tappt, wo man buchstäblich gar nicht stehen kann.