Ein Erinnerungsspaziergang mit Sinuhe und Nefernefer

Ein seltsames Plakat ohne Fernwirkung klebt in meinem Viertel. Nur aus der Nähe zeigt sich, worum es geht und wer plakatiert hat. Eine Fotografin offenbar, und ihr Projekt heißt: „Ich wünschte, ich könnte durch deine Erinnerungen spazieren wie durch eine Lindener Wohnung.“ Die Idee fasziniert mich, denn schon oft habe ich über die verschiedenen Erinnerungsschichten nachgedacht, denen die Dinge des Haushalts angehören. Da ich oft umgezogen bin, sind die ältesten Dinge in meiner Wohnung Bücher. Ich vermute, das älteste ist der Roman: „Sinuhe der Ägypter“ des finnischen Autors Mika Waltari. Das Buch stammt aus der kleinen Sammlung meiner Mutter.

Meine Mutter hatte es wiederum vom Bertelsmann-Lesering bekommen. Sie war da Mitglied, vergaß aber immer wieder, sich Bücher aus dem Bertelsmann-Katalog auszusuchen, so dass ihr Bücher als Jahresgabe zugeschickt wurden, unter anderem auch „Sinuhe, der Ägypter.“ Ich weiß noch genau, wo der Wohnzimmerschrank gestanden hat und wie das Bücherfacher an manchen Tagen verlockend in der Sonne lag, auch erinnere ich mich an den Sessel, in dem ich gesessen und geschmökert habe.

Ein ägyptischer Arzt zur Zeit des Pharaos Echnaton erzählt in Ichform von seiner Tätigkeit als Leibarzt am Königshof. Er verfällt einer Kurtisane namens Nefernefer, die ihn verlockt, aber nie richtig erhört. Sie verlangt als Liebesbeweis immer wieder erneut wertvolle Geschenke, die Sinuhe heranschaft, bis er sich ruiniert hat. Zum Schluss verkauft er sogar das Grab seiner Eltern, obwohl er weiß, dass er sie dadurch der ewigen Verdammnis ausliefert.

Als Pubertierender habe ich dieses Buch verschlungen, vor allem der erotischen Stellen wegen, und ich hoffte mit Sinuhe, dass sein Verlangen endlich befriedigt würde, was aber nie geschah. Faszinierend war auch Waltaris kenntnireiche Schilderung der ägyptischen Kultur. Ich lernte viel über das Leben im alten Ägypten, aber auch über die Psyche des verliebten Mannes und wie er zum Spielball seiner sexuellen Begierden werden kann.

Ach, darüber werde ich grad so müd, dass der Erinnerungsspaziergang schon enden muss.