Warum ich den Kriegsdienst verweigert habe

Ein Manöver. Wir biwakten in einem Wald. Ein Feldwebel hatte sich von Rekruten eine Dusche bauen lassen. Eine Gießkanne hing oben im Baum an einem Ast, und wenn er an einer Schnur zog, konnte er duschen. War das ein Spaß und Gejohle, wie er prustend seinen durchtrainierten Körper einschäumte und abbrauste. Da wurde auch ein langer Graben ausgehoben, ein Baum gefällt, entastet, entrindet und vor den Graben gelegt – das war wohl der Donnerbalken. Das alles war derart kurios, dass ich dachte, es kann nicht sein, dass erwachsene Männer so einen Quatsch machen.

Am Waldrand mussten wir Schützenlöcher ausheben, so tief, dass man bis zur Brust drin versinken konnte. Vor uns ein Abhang. Als wir in unsere Löcher gestiegen waren, kam per Flüsterpost durch, dass am Fuß des Abhangs der Feind gesichtet worden war. Er hatte sich wohl gut getarnt, denn ich sah ihn nicht. Plötzlich erhoben sich aus dem Abhang etwa 100 Leute und stürmten schreiend und schießend auf uns zu. Dann kam der Schießbefehl. Ich dachte: Moment. Diese Leute kenne ich nicht. Warum soll ich auf die schießen? Und mir wurde schlagartig klar, dass es im Ernstfall keine Möglichkeit des Innehaltens gibt, dass dann Kriegshandwerk gefordert ist, dass ich mir in der heranstürmende Meute junger Männer einen aussuchen und ihm den Leib zerschießen, ihn möglichst ermorden muss, egal ob er einer Mutter Sohn, eines Mädchens Liebster, eines Kindleins Vater ist, und dass ich froh sein werde, ihn abgeknallt zu haben, weil er das hat mit mir machen wollen.

Und warum? Weil Politiker ihre Macht ausweiten wollen, weil sie Rache wollen für vergangene Schmach, weil sie dem Wahn verfallen sind, weil sie den Einflüsterungen mordlustiger Militärs gelauscht haben, weil Lobbyisten von Rüstungsfirmen sie dusslig gequatscht haben, weil die Medien Hass geschürt haben, weil Aktionäre der Rüstungsunternehmen Rendite wollen, weil einfach Scheißkerle an Schreibtischen sich für Krieg entschieden haben, darum soll ich dich jetzt zum Krüppel schießen, armer Junge, besser dich alle machen, du armer Hund, darum soll ich dir und deinen Lieben Leid antun.

Am Tag nach dieser Manöverübung habe ich den Kriegsdienst verweigert. Sollen sie doch selbst in Schützenlöcher steigen, die Putins, die Stoltenbergs, die Bidens, du auch, Christian Lindner, der du von der „schlagkräftigsten Armee“ Europas schwafelst. Steigt in die Dreckslöcher, besudelt euch mit fremdem Blut, lasst euch von Kugeln und Granaten zerfetzen, und wenn ihr Schiss bekommt, dann habt ihr ja den Donnerbalken.