Linie 200 – Unterwegs mit jungen Leuten

An Hannovers Südstadt grenzt die List, ein Stadtteil mit schöner alter Bausubstanz. Die prächtigen Gründerzeithäuser waren und sind bei Wohngemeinschaften beliebt, wobei die einst studentische Klientel verdrängt wurde durch solvente Akademikerfamilien, die sich eine Sechszimmerwohnung oder noch größer leisten können. Die Gentrifizierung dieses Stadtteils wurde quasi durch den sozialen Aufstieg ihrer Mieter vorangetrieben. Die Wohngemeinschaft entvölkert sich, und übrig bleibt, wer sich die große Wohnung jetzt auch allein leisten kann. Die Rolle der List hat inzwischen der Stadtteil Linden übernommen, wo ähnliche Prozesse ablaufen.

An der Musikhochschule wird der Bus voll. Zu mir in die Vierergruppe setzen sich drei Studierende, zwei junge Frauen und ein alerter junger Mann. Er, mit erkennbar türkischen Wurzeln, studiert Bauingenieurwesen und erzählt, dass er gerade an seiner Masterarbeit schreibt. Er findet viele Dinge „nice“, weiß das auch zu steigern, nämlich manches ist „nicer.“ Die beiden Frauen sind offenbar noch weit vom Bachelor entfernt. Die mir schräg gegenüber sitzt, trägt eine riesige braune Lederjacke mit dicken Schulterpolstern, wie man in den 1980-er Jahren trug und ist damit laut der GALA „wieder top gestylt unterwegs.“ Sie studiert Machinenbau an der Fernuniversität Hagen und was sie erlebt hat, war garantiert unnice. Bei Studienbeginn, auf einem Zimmer wohnend, hat sie sich einen Kreuzbandriss zugezogen „und dann Lockdown. Online-Volesungen von morgens acht bis 18 Uhr.“

Sie erzählt lachend, dass sie kaum vor die Tür kam, aber man ahnt den Abgrund von Stress, sozialer Isolation und Hilflosigkeit. Wie sie ist da manche(r) in ein Loch gefallen. So dicke Schulterpolster kann es gar nicht geben, das schadlos zu überstehen. Die neben mir ist vielleicht Iranerin, studiert dem Vernehmen nach auch Maschinenbau und findet ihr Studium überfrachtet. Man müsse soviel lernen, was später nicht zu gebrauchen ist. Der Masterstudent bestätigt, er arbeite nebenher für einen Bauträger, und vieles, was er da wissen müsse, sei im Studium nicht vorgekomen. Aber „man kann alles googeln.“

Die drei bestätigen einander, dass viele Klausuren als Multiple Choice angelegt sind. Es sei ein Irrtum zu glauben, das wäre einfacher. Die Iranerin sagt: „Man kann überhaupt keinen eigenen Gedanken formulieren.“ Ja, ist das denn nötig? Als Lehrer habe ich erlebt, dass eine Schülerin mit Deutsch-Leistungskurs die Abiturprüfung mit einer glatten Eins bestanden hat, und ich hatte keinen einzigen eigenen Gedanken von ihr gehört. Wenn man eine Idee von der Verschulung des Studiums haben will, dann scheint mir zutreffend, was die Iranerin beklagt.

Eigene Gedanken brauchts nicht. Die Gesellschaft will perfekt funktionierende Menschen, die ihren Job machen, ohne nach links und rechts zu schauen. Gut so, alles andere führt letztlich in die Revolution. Leute, die stehen bleiben, einfach nur dastehen, sich das Rädergetriebe der Tretmühle anschauen und darüber nachdenken, die will man weder in Hannover noch anderswo. Als ich in Linden aus der 200 aussteige, habe ich eine interessante Lehrstunde in gesellschaftlicher Wirklichkeit hinter mir.