So richtich ›pattsch‹?! – Zu Besuch bei Arno Schmidt

„Hier!“, rief Holzwurm und wedelte mit der Hand, welche ihm angeblich Playboy Gunter Sachs gedrückt hatte, „Ungewaschen! Uuungewaschen!“ Mit seinem Kabrio, einem kleinen, hässlichen Auto ohne Klasse, war der Berusschullehrer tanken gewesen und hatte an der Tankstelle Gunter Sachs getroffen. Gunter Sachs war direkt von den Titelseiten der Hochglanz-Schmockpress herabgestiegen in Holzwurms enge Welt und betankte seinen Porsche, worin sich eine blonde Schönheit langweilte. Betankte den Porsche genau wie Holzwurm sein Holzwurmkabrio betankte, nur dass ihm die blonde Schönheit fehlte. Aber dafür hatte Gunter Sachs einen Maßanzug aus Sackleinen getragen. Da hatte sich Holzwurm ein Herz gefasst und gefragt:
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie so einfach anspreche, aber sind Sie Herr Gunter Sachs persönlich? Und ist Ihr Anzug etwa aus Sackleinen?“ Und Gunter Sachs hatte gönnerhaft bestätigt: „Ja, ich bin Gunter Sachs, und mein Anzug ist aus Jute.“

„“Ungewaschen!“ kann ich leider nicht rufen. Den Zeigefinger, den ich auf Arno Schmidts Schreibmaschinentastatur gelegt habe, habe ich wegen der Hygieneempfehlungen unserer fürsorglichen Bundesregierung längst waschen müssen. Und umgekehrt ist meine Fingerkuppe durchaus propper gewesen. Trotzdem denke ich inzwischen, Hallo! Wenn das jeder machen würde! Wenn jeder hergelaufene Heinrich und Konrad vulgo Hinz und Kunz in Arno Schmidts letztem Wohnhaus in Bargfeld herumlatschen und seinen Finger auf die Schreibmaschinentasten legen würde, ja, wo bliebe dann Arno Schmidts DNA? Am Ende sind noch dreiste Zehnfingerschreiber darunter, nicht so bescheidne wie ich, der ich nach dem polizeibekannten Terroristensystem schreibe: „Jede Sekunde ist mit einem Anschlag zu rechnen.“

Angeschlagen habe ich sowieso keine Taste, denn es war ja kein Papier eingespannt. Ich habe die Buchstaben meines Namens nur ein klein bisschen heruntergedrückt, dass die Typenhebel sich anhoben. Hab mich quasi auf Arno Schmidts Schreibmaschine in die Luft geschrieben. Auf die blanke Walze zu schlagen, hätte ich mich nicht getraut. Schließlich lag Schmidts strenge Brille noch neben der Maschine, als würde er gleich zurückkommen und maulen: „Wie kann er es wagen, am Hause der Herrschaft sein Wasser abzuschlagen?!“

Alles im Wohnhaus von Alice und Arno Schmidt war so, als wäre die Zeit stehen geblieben und würde erst weiter ruckeln, wenn er zurückkäme, nachdem er sich in der Küche sein bevorzugtes Nescafépulver in die Cola gerührt hat. Üble Laune hätte er sowieso, weil die „große Familien=Coca=Cola=Flasche“ schon wieder leer war.

Arno Schmidts Adler-Schreibmaschine hat es mir besonders angetan. Auf ihr hat er wohl sein Monumentalwerk Zettel’s Traum getippt. Gedruckt wurden die 1334 DIN-A3-Seiten als Faksimile. Dieses begehrenswerte Buch kostete 345 DM. Das war zu meiner Zeit als Schriftsetzergeselle mehr als ein Wochenlohn, blieb also für mich unerschwinglich.

Für den Schriftsteller Stephan Wackwitz ist Zettel’s Traum „Große Kunst und kompliziert ausgearbeiteter Dachschaden.“ Literaturkritiker Dennis Scheck nannte es jüngst im Bayrischen Fernsehen sein Lieblingsbuch, das nach den Worten eines Übersetzerkollegen „nur aus schmutzigen Witzen in vielen Sprachen besteht“ und zitierte einen Satz von Seite 283: „Hast du Rama auf der Stulle, kannst du vögeln wie ein Bulle.“

[Zitat aus Zettel’s Traum]

Es muss übrigens „Käse“ und „wichsen“ heißen, weiß ich noch aus meiner Jugend. Der Spruch ist ja quasi Volksvermögen. Und vögelnde Bullen? Ich bitt‘ Sie. Wie ich im Jahr 1970 als junger Mensch von Zettels Traum erfahren habe, weiß ich nicht mehr. Schon ein Wunder, dass Kunde aus dem fernen Bargfeld mich in meinem linksrheinischen Heimatdorf überhaupt erreicht hat. Bargfeld klang nach einem Ort im Nirgendwo, liegt aber in der Lüneburger Heide, knapp 45 Autominuten nordöstlich von Hannover. Jedenfalls haben mich damals die Rezensionen zu Zettel’s Traum inspiriert. Anregend, ja mindestens faszinierend, fand ich zu lesen vom Bargfelder Boten, einer Literaturzeitschrift, die im Jahr 1972 vom Literaturwissenschaftler Jörg Drews gegründet worden war, um Arno Schmidts anspielungsreiches Werk zu entschlüsseln. Seit dem Jahr 2010 gibt es eine vom Typografen Friedrich Forssman gesetzte Ausgabe von Zettel’s Traum. Arno Schmidt hatte befürchtet, Zettel’s Traum »wird sich nicht mehr setzen lassen.« Folglich hat sich Forssman ganze zehn Jahre daran abgearbeitet. ZOUNDS!, wie wir Westmänner sagen.

Mit Erlaubnis der Dame von der Arno-Schmidt-Stiftung bin auch in Schmidts schwarzem Ledersessel versunken, und man hat Wetten darauf abgeschlossen, ob ich wieder hochkomme. Leichter kam ich aus dem Fernsehsessel auf der ersten Etage hoch. Alice und Arno Schmidt hätten gerne Eiskunstlauf geschaut. Es fielen die Namen Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler. Das Fernsehzimmer konnte von der Außenwelt durch eine Falltür über der Treppe abgeschlossen werden, war also Rückzugsort im Rückzugsort. Freilich ist die Fernsehwelt in den 1970-ern eine andere gewesen, hatte noch nichts vom aufdringlichen Konsumblitzeklingeling und „Zentrifugalbrummball“ der wahnwitzigen Formate und eklen Stars des Prollfernsehens.

In der angrenzenden Arno-Schmidt-Stiftung stöberten wir noch in Zettel’s Traum und diversen anderen Druckwerken. Von einem Buch zu hören und schon 50 Jahre später darin zu blättern, ist flott. Es hätte ja noch viel später sein können.

10 Kommentare zu “So richtich ›pattsch‹?! – Zu Besuch bei Arno Schmidt

  1. Von Arno Schmidts Werk war mir nichts bekannt wie ich gestehen muss, auch nicht sein Opus Magnum Zettel’s Traum. Ich kannte bloß sein Porträt – er sah nicht aus wie ein literarischer Avantgardist, vielmehr wie der Archetypus eines Bilanzbuchhalters. Auf Wikipedia las ich nun aber, dass er diese Profession tatsächlich einstmals ausübte.

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  2. Auch ich habe von diesem Werk noch nichts gehört, aber dafür erkenne ich das Zentrifugalbrummball-Spiel aus einem meiner Lieblingsbücher und erinnere mich daran, dass in der schönen neuen Welt nur neue Spiele auf den Markt kommen dürfen, für die man mehr Hilfsmittel braucht als für die schon auf dem Markt befindlichen

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    • Sollte denn Arno Schmidt in Österreich ganz unbekannt sein? Zu schade. „Zentrifugalbrummball“ glaubte ich entlehnt zu haben aus Stanisław Lem: Der futurologische Kongreß – wo es als Beispiel für die Zerstreuungsmöglichkeiten dient. Dass es auch in Schöne neue Welt vorkommt, war mir entfallen. Doch muss ich zugeben, dass „Zentrifugalbrummball“ noch von Spielen in unserer Zerstreuungs- und Verblödungsmaschine Fernsehen getoppt wird.

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      • Gegen die „sozialen Netzwerke“ ist aber Fernsehen ausschließlich bildend und friedensfördernd ….
        Wenn Nömix und ich Arno Schmidt nicht kennen, heißt das noch nicht, dass er in Österreich unbekannt ist, aber ein kleines Indiz ist es schon.

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  3. Vielen Dank für den schönen Bericht.

    Als wir letzten Herbst nachmittags in der Heide vorbeifuhren, machten wir einen Abstecher nach Bargfeld. Beim Drehen vor Schmidts Haus blieben wir im feuchten Acker stecken. Nach langem Suchen kam uns ein Landwirt mit seinem Ungetüm zu Hilfe. Das wäre aber eine eigene Geschichte wert, wie der uns aus dem Acker gezogen hat. („Zehn Ochsen und ein Bauer sind zwölf Stück Vieh“ [A.S.]
    Für Schmidts Haus wars dann zu spät.

    Ich habe vor etwa fünfzig Jahren mit Schmidts Büchern angefangen. Sitara war das erste. Zettels Traum habe ich allenfalls angeblättert. Und auch die Rolling Stones darin erwähnt gefunden. Mir (als alterndem Mann) näher ist allemals Abend mit Goldrand.
    Der Bargfelder Bote und der Haide-Anzeiger und all die Schmidt-Deuter habe ich hinter mir gelassen. Wenig von Schmidt hat wird wahrscheinlich von Dauer sein

    Was ich jedem Interessierten jedoch empfehlen kann sind die „Stürenburg Geschichten“ und die Geschichten „Aus der Inselstrasse“. Kurze bildmächtige Geschichtchen, die enorme Lesefreude bereiten und an denen man sein eigenes Schreiben üben kann.

    Viele Grüße
    Robert

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    • Dem Vernehmen nach hat der scheue Arno Schmidt genau wegen der UNzugänglichkeit den Wohnort in Bargfeld gewählt. Euer Steckenbleiben im Acker war also ganz in seinem Sinn. Wieviel der gedruckten Literatur von Dauer sein wird, wissen wir nicht. Vielleicht ist sie beständiger als alles, was heute digital daher kommt.
      Viele Grüße und sorry für die verspätete Antwort,
      Jules

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  4. Der Unzugänglichkeit einerseits sicherlich. Andererseits sagte er selbst von sich, er sei „nu mal ein Heidedichter, allerdings etwas anderer Art als Fritz von der Leine, nich?“

    Hätte er uns gesehen, als wir den Wagen im Acker gegenüber des Tores festgefahren hatten, hätte er, nach dem Zitat, „die Brille abgenommen, um uns nicht sehen zu müssen.“ Er war hochgradig kurzsichtig.

    Ich bin mir nicht sicher, was von seinem Werk dieses Jahrhundert überdauern wird. Das wird neben anderem von den Aktivitäten der Arno-Schmidt-Stiftung abhängen.
    Gedruckte Literatur wird es wohl noch eine ganze Weile geben. Dies wiederum wird vom Leseverhalten der nachfolgenden Generationen abhängen.

    In meinem ersten Studium waren die wissenschaftlichen Werke noch allesamt auf Papier publiziert. Bei meinem zweiten Studium war fast die Hälfte der benötigten Literatur bereits digitalisiert verfügbar.

    Viele Grüße
    Robert

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