Weniger als alle anderen protzen

Eine Übung im laut Lesen. Heraus kommt Sächsisch: „Unn wännch hier trickn du, da duds-ch tas gansse Tünamidd uff eemahl ennzindn.Taturjj ändschdähd apr enn Gnall von ainr nie keeaandn Kreeße. Tüssr änoorme Gnall wird schdäds in därr Ärrünnerunk unsserer käsammdn Schdadd verplaipn, unn tü schbädstnn Ängellgüntärr duhn noch von tüssn Gnalle zäärn. Unn nu ssinge märr tü Ssäcksche Natschonaalhimmne, unn tann wertch tnn Äärengnall abfairn.“ (aus: Kurt Schwitters, Der sächsische Ozean 1925)

Als Hannoveraner Neubürger bekam ich bei der Anmeldung ein Begrüßungspaket geschenkt, eine Hochglanzbroschüre vom „Zweckverband Abfallwirtschaft Region Hannover“ (aha), eine Rolle gelber Säcke vom Dualen System und einen Abfallabholkalender. Da wusste ich, in Hannover wird Müll geschätzt; man kriegt ihn gleich zur Begrüßung. Damals war das Entsorgen sperriger Verpackungen leicht. Ich schleppte den Müll einfach die Straße entlang, überquerte die Davenstedter Straße und hatte vor mir den aha-Betriebshof mit diversen Containern, deren Mäuler hungrig geöffnet waren. Wo ich früher den Müll entsorgt habe, darf ich heute nur noch meine Wählerstimme abgegeben. Was das über den Wert meiner Wahlentscheidung sagt, wäre zu reflektieren.

Wenn einer bei der Betrachtung eines Kunstwerks eine Ästhetik wahrnimmt, die ein anderer nicht sieht, liegt es nicht allein am Sehen. Es muss auch im Gehirn des Betrachters ein feineres Wahrnehmungsmuster bestehen, damit Gesehenes zum ästhetischen Genuss werden kann. Dieses feinere Instrumentarium bildet sich heraus bei der intensiven Beschäftigung mit Kunst, hängt also ab vom Wunsch, etwas wahrnehmen zu wollen. Diesem Wunsch muss allerdings etwas Werthaltiges entgegenstehen. Übertragen auf andere Lebensbereiche bedeutet das, die Welt ist reicher an Information als gedeutet wird. Doch in welchem Ausmaß der Deuter in die Welt hineindeutet, lässt sich nicht ermessen.

Egomanie und andere sozial unerwünschte Eigenheiten fallen nicht vom Himmel, sondern werden den Kindern in vielen Kleinigkeiten vorgelebt, und zwar jenseits der Reflexion durch die Erwachsenen. Ich erinnere mich an eine Elternversammlung im Kinderladen meines ältesten Sohnes. Die Kindergärtnerin berichtet vom penetranten Protzen eines Jungen. Da fühlt der Vater sich aufgerufen und sagt: „Ich verstehe das nicht. Von allen, die wir hier sitzen, wird bei uns zu Hause am wenigsten geprotzt.“ Er sagte das ernsthaft, ohne jede Idee, dass er damit ein überzeugendes Beispiel seiner Protzerei gegeben hatte.

Eine gewisse Achtung musste ich einem jungen Mann zollen. Er kam mit einem anderen gleicher Art daher, beide umstreunt von einem Rudel räudiger Hunde. Und als ich gut an allen vorbei war, hörte ich folgendes Geständnis: „Eye Alta, ich war voll der Stalker! Ich musste mich in die Klapse einweisen lassen.“
Toll! Wenn doch nur alle Soziopathen so einsichtig wären und sich auf eigene Veranlassung läutern lassen würden, wäre schon etwas gewonnen.

Ein Jörg G berichtet auf User Welt.de: „Mir fällt zum Thema „Nachlass Beuys“ eine sehr lange zurückliegende tatsächlich stattgefundene Familienepisode ein: Ein Bruder meines Urgroßvaters (beide von einem Bauernhof stammend) erschien in vorgerücktem Alter genau dort bei seinen Schwestern und Cousinen, einen schweren Koffer mitführend, und verlangte, bis zu seinem Tode mit durchgefüttert zu werden. Nach seinem Tode dürften die Frauen den Koffer öffnen und als seine Erben den wertvollen Inhalt behalten. Als es nach etlichen Jahren soweit war, fand man im Koffer nur Zeitungspapier.“