Weitere Fragmente – Bitte keine Runkelrübentherapie

Ziemlich genau kann ich mich daran erinnern, wie ich als Kind lernte, was das Wort Besuch bedeutet, vielmehr, was es nicht bedeutet. Ich sah meine Mutter hektisch einen Stapel Zeitungen ordnen, und als ich sie nach dem Grund fragte, sagte sie: „Wir bekommen gleich Besuch.“ Ich folgerte, der Besuch würde die Zeitungen durchsuchen, aber als der Besuch kam, hatte er für den Zeitungsstapel keine Zeit.
Wenn der Begründer der Bachblütentherapie nicht Edward Bach, sondern Edward Runkelrübe geheißen hätte und er hätte sein alternatives Behandlungsverfahren eigensinnig Runkelrübentherapie genannt, dann wäre ihm vermutlich kein Erfolg beschieden gewesen. Denn das Wort ‚Runkelrübe’ ist kaum geeignet, so schöne Bilder in den Kopf zu zaubern wie ‚Bachblüte’. Als ich von der Bachblütentherapie hörte, dachte ich nicht an einen britischen Arzt mit leerem Gesicht und Stirnglatze, der nur 50 Jahre alt geworden ist, sondern sah ein dahin sprudelndes Bächlein, eng von Kräutern gesäumt, deren Blüten sich artig verneigen, wenn sie ab und an von einem aufspringenden glasklaren Wassertropfen benetzt werden. Und diese Perlen werden bei Mondlicht von feengleichen Jungfrauen in weißen Gewändern abgestreift und in putzige Fläschlein abgefüllt. Schon das Bild ist geeignet, einen gesunden zu lassen, zumindest öffnet es das Törchen, hinter dem der Weg der Heilung wartet.

In unserer Straße stehen oft Leute und schauen hoch zu den prächtigen Gründerzeitfassaden. Gewiss fragen sie sich, welche Glücklichen da wohnen und wie groß die Wohnungen wohl sind. In Hausnummer 5 auf der Belle Etage lebe seit sieben Jahren ich und meine Wohnung hat 12 Zimmer, zwei zur Straße hin. Ich habe die Wohnung von einem Onkel geerbt, aber glücklich? Glücklich bin ich nicht einen Tag gewesen. Zur Straße liegt auch meine Küche
Der Kieler Student Achim Held hat sich im Jahr 1993 die Bielefeldverschwörung ausgedacht, dass nämlich Bielefeld überhaupt nicht existiert. Doch verleugnet wurde Bielefeld schon durch Mark Twain: „Himmel, die Deutschen mit ihrer brutalen Sprache! Auf meiner Reise mit Doktor Seyfried gelangte ich in Städte wie Würgsburg, Chemienitz, Gestankfurt und Schrecklinghausen. Es wunderte mich kaum noch, dass er eine Stadt namens Befiehlt erwähnte. Nur das nicht, rief ich! Es mag bei Ihnen Abortmund geben und Dünster und Rostnabrück und Hangover. Aber Befiehlt? Unannehmbar für einen überzeugten Demokraten und Pazifisten. Nein, ihr Deutschen. Die Stadt Befiehlt darf es nicht geben. Wird es nicht geben. Gibt es nicht. Niemals.“

Aus Unachtsamkeit bin ich mit dem Rad in eine Straßenbahnschiene geraten und gestürzt. Das rechte Knie ist noch nicht verheilt. Durch den Gang der Straßenbahn kommt ein junger Mann. Ein Stoffbeutel in seiner Hand scheint einen Geschenkkarton zu enthalten. Der knallt mir schwer gegen das linke Knie, derweil sich der Typ mir gegenüber niederlässt. Welch ein Glück, dass er nicht mein wehes Knie traf! Kurz vor dem Hauptbahnhof, wo er sicher aussteigen wird wie ich, bringe ich mein verletztes Knie in Sicherheit, indem ich mich rechts zum Gang drehe. Die junge Frau neben mir drängt sich ungeduldig als erste aus der Sitzreihe. Indem er Platz macht, trifft er mit seinem Karton wieder mein linkes Knie. Wäre es das Verletzte gewesen, hätte ich ihm an die Gurgel gehen müssen.
An der Bäckereitheke:
„Bitteschön!“
„Ich hätte gerne ein Brötchen.“
„Ein ganzes?“
“Nein, ein halbes!“